Die vier Finanz-Säulen für ein Solo-Atelier
| Säule | Worum es geht | Was sofort zu tun ist |
|---|---|---|
| Buchhaltung & Steuern | Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung (GoBD)-konforme Belege, TSE-Kasse, Einkommensteuer (ESt)/Gewerbesteuer (GewSt)/Umsatzsteuer (USt) | Steuerberaterin beauftragen, Kasse anmelden (ELSTER) |
| Vorsorge | Altersrente, Berufsunfähigkeit, Krankentagegeld | Berufsunfähigkeits-Angebote vergleichen, Basisrente oder Exchange Traded Fund (ETF)-Plan starten |
| Liquidität | 3 Monatsreserve, Steuer-Rücklagen, Cashflow-Check | Zwei Konten: Betrieb + Rücklagen (30 % jede Einnahme) |
| Steuerung | Kennzahlen-Review, Pricing, Auslastung | Monats-Check (30 Min), Quartals-Review mit Steuerberaterin |
Ordnung im Geld ist der Unterschied zwischen „ich habe einen Salon" und „ich habe ein Geschäft". Das Fundament dafür wird in den ersten drei Monaten gelegt.
Alltags-Buchhaltung
Jede Quittung, jede Rechnung, jeder Trinkgeld-Euro muss erfasst werden — unveränderbar, vollständig, nachvollziehbar. Das ist die GoBD, und sie gilt auch für Kleinunternehmerinnen.
1.1 Was GoBD in einem Kosmetiksalon bedeutet
GoBD = Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen. Das Bundesministerium der Finanzen (BMF)-Schreiben stellt sechs Anforderungen an deine Buchhaltung:
Nachvollziehbarkeit
- Jede Einnahme & Ausgabe ist prüfbar zuordenbar
- Jede Behandlung zur Rechnung zum Zahlungseingang
Vollständigkeit
- Kein Umsatz bleibt unverbucht — auch nicht der 10-€-Augenbrauenservice in bar
- Trinkgelder in Münzen gehören technisch nicht zum Umsatz, aber dokumentieren
Richtigkeit
- Beträge, Daten, Mehrwertsteuer (MwSt)-Sätze korrekt
- Keine Rundungen, keine „ich rechne am Monatsende"
Zeitgerechte Erfassung
- Kassenvorgänge sofort erfassen (TSE-Anforderung)
- Belege spätestens 10 Tage nach Zahlung verbuchen
Ordnung
- Belege chronologisch & thematisch sortiert
- Digitale Ablage nach Monat + Kategorie (Einnahmen / Einkauf / Miete / Sonstiges)
Unveränderbarkeit
- Einmal erfasste Daten dürfen nicht heimlich überschrieben werden
- Korrekturen nur mit Storno-Buchung, nicht durch Löschen
1.2 Der Alltags-Ablauf
-
Jede Behandlung → Kassenbon aus der TSE-Kasse (auch bei Kartenzahlung).
Belegausgabepflicht seit 2020. Kundin muss den Bon nicht mitnehmen, du musst ihn aber erzeugen. -
Rechnungen bei Termin sofort schreiben — aus der Booking-Software oder einem einfachen Tool wie lexoffice / sevDesk.
Pflichtangaben: Name + Adresse (du + Kundin), Datum, Leistung, Brutto, MwSt, Steuernummer, Rechnungsnummer fortlaufend. -
Eingangsrechnungen noch am selben Tag scannen (Smartphone reicht).
App wie CamScanner, lexoffice Scan oder direkt die Steuerberater-App. Papier-Original aufbewahren (oder GoBD-konform ersetzendes Scannen dokumentieren). -
Monatsabschluss am 1.–3. des Folgemonats (60–90 Minuten).
Kassenabschluss (Z-Bon), alle Belege hochladen, Kontoauszüge abrufen, USt-Voranmeldung vorbereiten (bei Regelbesteuerung). -
Quartals-Review mit Steuerberaterin (1–2 h alle 3 Monate).
Vorläufige Umsätze, Liquidität, Steuer-Hochrechnung fürs Jahr, Rücklagen-Check.
1.3 Belege — 10 Jahre Pflicht
Aufbewahrungsfristen nach § 147 AO:
| Beleg-Art | Frist | Beispiele |
|---|---|---|
| Buchungsbelege | 10 Jahre | Kassenbons, Eingangsrechnungen, Ausgangsrechnungen, Kontoauszüge |
| Jahresabschlüsse / Einnahmen-Überschuss-Rechnung | 10 Jahre | Steuererklärung, Bilanz, Einnahmen-Überschuss-Rechnung, Anlagenverzeichnis |
| Geschäftsbriefe | 6 Jahre | E-Mails mit Kundinnen, Mietvertrag, Lieferanten-Korrespondenz |
| Personalunterlagen | 6–10 Jahre | Arbeitsverträge, Lohnabrechnungen, Urlaubsanträge |
Jedes Unternehmen muss schriftlich dokumentieren, wie es Belege erfasst, speichert, archiviert. Für einen Solo-Salon reicht ein 2-Seiten-Dokument: Welche Tools werden genutzt (lexoffice, Booking-Software, TSE-Kasse)? Wer hat Zugriff? Wie werden Papier-Belege gescannt & archiviert? Welche Backup-Strategie? Bei der Betriebsprüfung ist das eine der ersten Fragen.
TSE-Kassenpflicht
Seit 2020 muss jede elektronische Kasse in Deutschland eine zertifizierte technische Sicherheitseinrichtung (TSE) haben. Seit 1. Juli 2025 muss die Kasse zusätzlich beim Finanzamt gemeldet sein. Verstöße kosten bis zu 25.000 €.
TSE steht für Technische Sicherheitseinrichtung. Stell dir einen kleinen, fälschungssicheren Schreibblock im Inneren deiner Kasse vor: Jeder Kassenvorgang (jede Rechnung, jede Stornierung, jeder Z-Bon) wird dort zusätzlich signiert und unveränderbar abgespeichert. Das Finanzamt kann später jeden einzelnen Vorgang prüfen — und sehen, ob nachträglich etwas geändert oder gelöscht wurde.
Warum es das gibt: Vor 2020 konnten Kassensysteme so manipuliert werden, dass einzelne Umsätze spurlos „verschwinden". Das hat der Finanzverwaltung Milliarden gekostet. Die TSE macht das technisch unmöglich — jeder Vorgang hinterlässt eine manipulationssichere Signatur.
Wie sie aussieht: Entweder als USB-Stick oder SD-Karte, die in die Kasse gesteckt wird (einmalig ca. 150–300 €, läuft 3–5 Jahre), oder als Cloud-TSE (Abo, ~10–15 €/Monat, läuft auf Servern des Anbieters). Für kleine Salons ist Cloud meist praktischer — keine Hardware zu verlieren, automatische Updates.
Wer braucht sie: Jeder, der ein elektronisches Kassensystem nutzt (auch iPad-Kassen, auch SumUp-POS). Wer keine elektronische Kasse hat — also reine Barkasse mit Papier-Kassenbuch oder reines Payment-Terminal ohne Kassen-Software (Cashless-Setup, siehe unten) — ist meist nicht TSE-pflichtig.
Nur's Beauty Atelier ist bewusst cashless positioniert — nur Karte, Apple Pay, Google Pay. Wer keine Barkasse führt und auch kein elektronisches „Kassensystem" i.S.d. § 146a AO verwendet, sondern nur ein Payment-Terminal (SumUp, Zettle, Stripe Reader) + Rechnungsprogramm (lexoffice, sevdesk), ist in aller Regel nicht TSE-pflichtig. Belege laufen aus dem Rechnungsprogramm, Einnahmen sind zu 100 % über den Bank-Eingang dokumentiert, Kassenbuch entfällt (BFH für EÜR bestätigt). Mit Steuerberaterin zur Sicherheit abklären, aber das ist der stabilste und einfachste Setup. Details siehe Studio-Setup · Payment-Kapitel.
2.1 Wer ist betroffen?
Jeder, der eine elektronische Kasse nutzt — sobald eine Software (auch auf iPad, Tablet oder Laptop) Kassenvorgänge erfasst, gilt KassenSichV. Die gute Nachricht: Du kannst weiter mit einer offenen Ladenkasse (reine Barkasse, händisch) arbeiten. Dann entfällt die TSE-Pflicht — aber du hast Kassenbuchpflicht und musst täglich einen Kassenbericht schreiben. Für ein Salon-Setting praktisch nicht sinnvoll. Dritte und einfachste Option: komplett cashless (siehe Kasten oben) — dann entfallen Kassenbuch und TSE gemeinsam.
2.2 Was eine TSE-Kasse können muss
- TSE-Modul (USB-Stick, SD-Karte oder Cloud) — unveränderbare Protokollierung jedes Vorgangs
- Belegausgabepflicht — bei jedem Vorgang wird ein Bon erzeugt (Papier oder digital)
- Seit 1.1.2026: Transaktionszeit auf jedem Bon — Minute und Sekunde des Vorgangsabschlusses
- Meldung ans Finanzamt über Elektronische Steuererklärung (ELSTER) „Mein Elster" — seit 1.7.2025 Pflicht. Jede neue Kasse binnen 1 Monat melden.
- Z-Bon täglich — Tagesabschluss mit allen Vorgängen, wird archiviert
2.3 Kasse-Optionen für einen Kosmetiksalon
SumUp Solo + TSE
Kartenterminal mit integrierter Kassen-App und Cloud-TSE.
- Einmalig: ~99 € (Gerät) + 69 € TSE-Aktivierung
- Laufend: 12 € Monat TSE-Cloud, Kartengebühr 0,99–1,69 %
- Einfach, alles aus einer Hand
- Eingeschränkte Termine-Verwaltung
Treatwell Pro / Shore / SALONKEE
Salon-Software mit integrierter TSE-Kasse, Booking und Kundinnenkartei.
- Laufend: 35–85 €/Monat (je nach Modul)
- Kasse + Booking + Customer Relationship Management (CRM) in einem System
- TSE-Stick oder Cloud-TSE enthalten
- Lernkurve, Wechsel später aufwendig
Orderbird / Tillhub / ready2order
Dedizierte iPad-Kassen — eher Gastro, aber Beauty-tauglich.
- Laufend: 29–79 €/Monat plus TSE-Lizenz
- Sehr stabil, gute TSE-Anbindung
- Keine Salon-Features (Terminbuchung)
- Braucht iPad / separates Gerät
Payment-Terminal + Rechnungsprogramm
SumUp/Zettle/Stripe + lexoffice — keine Kasse i. S. d. § 146a AO.
- Meist keine TSE-Pflicht, kein Kassenbuch
- Rechnung läuft aus lexoffice/sevdesk
- Kein Bargeld = kein Einbruch-/Diebstahls-Risiko
- Empfohlenes Setup für Nur's Atelier
Option D — cashless. Payment-Terminal (SumUp Solo oder Stripe Reader) + Rechnungs- und Booking-Software (lexoffice + Treatwell oder SALONKEE ohne Kassenmodul). Belege laufen aus der Booking-/Rechnungs-Software, Einnahmen sind zu 100 % über Bankbewegung dokumentiert, keine TSE-Meldung, kein Kassenbuch, kein tägliches Z-Bon-Ritual. Sicherer, einfacher, billiger im laufenden Betrieb. Details im Studio-Setup · Payment-Kapitel und Tools-Guide.
2.4 Bußgelder bei Verstößen
| Verstoß | Mögliches Bußgeld |
|---|---|
| Keine TSE in der elektronischen Kasse | bis 25.000 € |
| Verletzung der Belegausgabepflicht | bis 5.000 € pro Fall |
| Verletzung der Meldepflicht (seit 1.7.2025) | bis 25.000 € |
| Leichtfertige Verstöße Kassen-Ordnung | bis 5.000 € |
| Nicht erfasste Einnahmen (Manipulation) | Nachzahlung + 10 % Zinsen + Strafverfahren § 370 AO |
Bußgeld wird verhängt, unabhängig davon, ob tatsächlich Umsatz verschleiert wurde. Fehlende TSE reicht. Also: Vor dem ersten Kassenvorgang muss die TSE laufen und die Kasse bei ELSTER gemeldet sein.
Trennung Privat & Geschäft
Als Einzelunternehmerin gehört dir alles — das Geld ist gleichzeitig Betriebs- und Privatvermögen. Finanzamt und du selbst brauchen trotzdem klare Trennung, sonst wird Steuerplanung unmöglich.
3.1 Zwei Konten — nicht verhandelbar
Ab Tag 1 brauchst du zwei getrennte Konten:
Geschäftskonto
- Alle Einnahmen aus Behandlungen
- Alle Ausgaben für den Betrieb (Miete, Material, Versicherung, Software)
- Anbieter: Qonto, Finom, Commerzbank, Postbank — ab ~10 €/Monat
- Export als DATEV/CSV für die Steuerberaterin
Privatkonto
- Dein „Gehalt" (monatliche Entnahme)
- Miete, Supermarkt, Handy, alles Persönliche
- Sparanlagen, ETF-Depot, Altersvorsorge
- Normalerweise bei der Hausbank
3.2 Das „Unternehmerinnen-Gehalt"
Als Einzelunternehmerin kannst du kein Gehalt an dich selbst zahlen (steuerlich nicht möglich — bis auf Unternehmergesellschaft haftungsbeschränkt (UG)/Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH)). Stattdessen machst du Privatentnahmen: du überweist einen festen Betrag vom Geschäfts- aufs Privatkonto.
Monatliche Entnahme-Rechnung
Monatsumsatz: 6.000 € (netto, ~20 h Behandlung / Woche)
Betriebsausgaben: 1.200 € (Miete Räume 700 €, Material 250 €, Versicherung 50 €, Software 80 €, Marketing 100 €, Sonstiges 20 €)
Vor-Steuer-Gewinn: 4.800 €
Rücklage Steuern (30 %): 1.440 € → auf Steuer-Rücklagenkonto
Rücklage Liquidität (10 %): 480 € → auf Liquiditäts-Rücklagenkonto (bis 3 Monatsumsatz voll)
3.3 Die drei Konto-Methode (empfohlen)
Die saubere Variante — drei Konten auf Geschäftsseite:
Konto A · Betriebs-Giro
- Alle Einnahmen gehen ein
- Laufende Betriebsausgaben gehen ab
- Ziel-Saldo: immer knapp 1 Monatsumsatz
Konto B · Steuer-Rücklage
- Monatlich 30 % des Netto-Gewinns
- Für Vorauszahlungen & Jahressteuer
- Tagesgeld oder Festgeld (geringe Zinsen OK)
Konto C · Liquiditäts-Puffer
- Ziel: 3 × Monatsfixkosten (ca. 3.500–5.000 €)
- Nur im Notfall angreifen
- Tagesgeld, täglich verfügbar
Konto D (privat) · Altersvorsorge
- Nach Steuer-Rücklage & Puffer: feste Rate
- Ideal: 15–20 % vom Gewinn
- Primär ETF-Sparplan (Details & Warum-nicht-Rürup: Kap. 5)
60/30/10: 60 % Entnahme Privat (dein Lebensunterhalt) — 30 % Steuer-Rücklage — 10 % Liquidität. Sobald Liquiditäts-Puffer bei 3 Monaten voll ist, werden die 10 % zur Altersvorsorge umgeleitet.
3.4 Welches Geschäftskonto für deinen Salon? (Vergleich 2026)
Fintech (Qonto, Revolut) oder klassische Bank (Sparkasse, VR Bank)? Für einen Kosmetiksalon mit hohem Baranteil und Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)-Zukunftsplanung ist die Antwort eine Kombi.
Qonto Smart (19 €/Mo) + lokale Sparkasse (ca. 8,50 €/Mo). Qonto für DATEV-Integration und saubere App. Sparkasse für Bargeldeinzahlung und spätere KfW-Hausbank-Rolle. Gesamt ~28 €/Mo = 0,56 % vom Umsatz bei 60.000 € Jahresumsatz. Das ist der realistisch beste Setup-Weg.
| Anbieter | Grundgebühr/Mo | DATEV | Bareinzahlung DE | IBAN | KfW-Hausbank | Bewertung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Qonto Smart | 19 € | Native Schnittstelle + Belegbilder | NEIN | DE | Eingeschränkt | ⭐⭐⭐⭐⭐ Hauptkonto digital |
| Sparkasse (lokal vor Ort) | ab 8,50 € | DATEV MT940/CSV | JA in Filiale | DE | ⭐⭐⭐⭐⭐ | ⭐⭐⭐⭐ Bargeld + KfW-Weg |
| VR Bank (lokale Filiale) | ca. 9–15 € | DATEV-Schnittstelle | JA | DE | ⭐⭐⭐⭐⭐ | ⭐⭐⭐⭐ Alternative Hausbank |
| Commerzbank Klassik | 15,90 € (12 Mo gratis) | DATEV EBICS | Teilweise (nicht überall) | DE | ⭐⭐⭐⭐⭐ | ⭐⭐⭐ Nur wenn vor Ort keine Filiale |
| Finom Start | 8,99 €/J | CSV-Export | NEIN | DE (Litauen) | NEIN | ⭐⭐⭐ Günstig, KfW-Lücke |
| Kontist Plus | 25 € | DATEV nativ | NEIN | DE (Solaris) | NEIN | ⭐⭐⭐ Teurer als Qonto |
| Revolut Business Grow | 19 € | CSV only, keine DATEV-Schnittstelle | NEIN | DE | NEIN | ⭐⭐ nicht als Hauptkonto |
Die App ist hervorragend — privat nutzen viele sie gerne. Für eine DE-Kosmetikerin mit Steuerberaterin als Hauptkonto aber problematisch. Die 5 Gründe:
- Keine native DATEV-Schnittstelle. Nur CSV/PDF-Export. StB berechnet Mehraufwand — oft 30–50 €/Mo extra, über 12 Monate locker 500–1.000 €.
- Keine Bargeldeinzahlung in Deutschland. Für Kosmetik mit 30–50 % Barzahlung = Showstopper oder Zweitkonto nötig.
- SEPA-Lastschrift als Gläubiger nicht möglich — für Membership-/Abo-Modelle keine Option.
- Kein KfW-Hausbank-Status. Wenn 2027 Kredit gebraucht wird, muss separat Hausbank aufgebaut werden.
- Einlagensicherung in Litauen (Revolut Bank UAB). Rechtlich EU-gleichwertig, für StB gefühlt weniger verlässlich.
Verdict: Revolut Business ist ein hervorragendes Zweitkonto für FX oder internationale Zahlungen. Als Hauptkonto für DE-Einzelunternehmerin ungeeignet.
- DATEV-Integration unterschätzt → StB rechnet Mehraufwand → 500–1.000 €/Jahr Extra-Kosten
- Bargeldeinzahlung ignoriert → Fintechs bieten keine → täglich zur Sparkasse
- KfW-Hausbank-Lücke → Förderkredite laufen nur über Hausbank, nicht Fintech
- „Kostenloses Konto" = versteckte Gebühren (Bargeld-Abheben, CASH26 limitiert)
- Kontokorrent bei Fintechs selten verfügbar — wichtig im Winter bei knapper Liquidität
- Holvi: Preislisten werden laufend umgestellt, langfristige Planungsunsicherheit
Steuern verstehen
Steuern sind für Selbstständige keine Strafe, sondern ein System. Wer es einmal durchschaut hat, wird ruhiger — nicht nur finanziell, sondern mental. Dieses Kapitel erklärt die Grundlagen von Null: was ist Umsatzsteuer, wie funktioniert „absetzen", wann verdient eigentlich das Finanzamt mit, und wie reagiert man, wenn Kundinnen Schwarzarbeit vorschlagen.
4.1 Die drei Steuerarten — eine Analogie
Als Solo-Selbstständige treffen dich drei verschiedene Steuerarten. Sie haben unterschiedliche Logiken und werden unterschiedlich fällig. Eine einfache Analogie, um sie auseinanderzuhalten:
Umsatzsteuer = Kellnerin
Du kassierst Geld, aber ein Teil davon gehört dem Staat. Du reichst es weiter. Das Geld fließt nur durch deine Hände. Wenn du es behältst, ist das wie Kasse-klauen im Restaurant.
Einkommensteuer = Staats-Beteiligung am Gewinn
Was am Ende des Jahres dein Gewinn ist (Einnahmen − Ausgaben), wird nach persönlichem Steuersatz besteuert. Wenig Gewinn = wenig Steuer. Gewinn = 0 → keine Einkommensteuer.
Gewerbesteuer = lokale Mitgift
Die Stadt, in der du arbeitest, bekommt einen kleinen Anteil. Der sogenannte Hebesatz liegt je nach Stadt typischerweise zwischen 300 % und 400 % (z. B. 350 % in vielen Kleinstädten). Freibetrag: 24.500 € Gewinn — darunter zahlst du gar keine Gewerbesteuer.
Nicht verwechseln: Umsatz vs. Gewinn
Umsatz = alles, was reinkommt. Gewinn = Umsatz minus Betriebsausgaben. Die meisten Fehler entstehen, weil jemand Umsatz mit Gewinn gleichsetzt. Einkommen- und Gewerbesteuer basieren auf dem Gewinn, nicht dem Umsatz.
4.2 Umsatzsteuer — der Durchlaufposten
Die Umsatzsteuer ist der Punkt, an dem die meisten Anfängerinnen Fehler machen. Der Grund: sie fühlt sich wie eigenes Geld an, ist es aber nicht.
Wenn du eine Gesichtsbehandlung für 100 € anbietest, musst du in der Regelbesteuerung darauf 19 % Umsatzsteuer aufschlagen. Die Rechnung sieht so aus:
Eine Gesichtsbehandlung in deinem Salon
Nettopreis (dein Honorar): 100,00 €
+ 19 % Umsatzsteuer: 19,00 €
= Bruttopreis (Kundin zahlt): 119,00 €
Wenn die Kundin mit 119 € bezahlt, landen 119 € auf deinem Konto. Psychologisch fühlt sich das wie 119 € Umsatz an. Tatsächlich ist es aber 100 € eigener Umsatz plus 19 € Fremdgeld. Wer die 19 € „ausversehen" ausgibt, baut sich innerhalb weniger Monate eine Steuerschuld auf, die später mit Vollstreckungsbescheid beim Finanzamt landet.
Die Empfehlung aus Kapitel 3.3, 30 % jeder Einnahme auf ein Steuer-Rücklagenkonto zu überweisen, deckt sowohl die Umsatzsteuer (ca. 16 % von 119) als auch die spätere Einkommensteuer ab. Wer das von Tag 1 automatisiert, hat das Thema psychologisch gelöst: was auf dem Betriebskonto bleibt, darf ausgegeben werden.
4.3 Vorsteuer — wie du deine eigene Mehrwertsteuer zurückbekommst
Hier kommt die gute Seite der Umsatzsteuer: Als Unternehmerin zahlst du selbst auch auf jeden Einkauf Mehrwertsteuer — auf Miete (meist nicht), auf Material, auf Geräte, auf Software. Diese gezahlte Mehrwertsteuer heißt Vorsteuer, und du darfst sie dir vom Finanzamt zurückholen.
Vorsteuer und Umsatzsteuer in der Praxis
Einnahmen von Kundinnen: 8.925 € brutto (7.500 € netto + 1.425 € Umsatzsteuer)
→ Eingesammelte Umsatzsteuer: 1.425 €
Ausgaben diesen Monat:
• Material für Behandlungen 595 € (500 € netto + 95 € MwSt)
• Strom & Nebenkosten 238 € (200 € netto + 38 € MwSt)
• Neues Behandlungsgerät 5.950 € (5.000 € netto + 950 € MwSt)
→ Gezahlte Vorsteuer: 1.083 €
Überweisung ans Finanzamt im Folgemonat: 1.425 − 1.083 = 342 €
4.4 „Absetzen" — was das wirklich bedeutet
Ein oft missverstandener Begriff. Viele denken: „Wenn ich das absetze, zahlt das der Staat." Das stimmt so nicht. Absetzen heißt nur: der Ausgabenbetrag reduziert deinen Gewinn — und auf den niedrigeren Gewinn zahlst du dann weniger Steuer.
Wie viel spart „absetzen" wirklich?
Die Gründerin besucht eine Fortbildung für 1.000 € netto.
Die Ausgabe mindert ihren Gewinn um 1.000 €.
Bei einem Grenzsteuersatz von 30 % (Einkommensteuer + Soli zusammen) spart sie also: 1.000 € × 30 % = 300 € weniger Steuer.
Außerdem Vorsteuer 190 € zurück (wenn Regelbesteuerung).
Was ist absetzbar, was nicht?
Absetzbar ist alles, was ausschließlich oder überwiegend der beruflichen Tätigkeit dient:
- Arbeitsmaterial (Produkte, Werkzeuge, Einmalartikel)
- Salon-Miete, Strom, Heizung, Internet
- Geräte & Einrichtung (über mehrere Jahre verteilt — siehe unten „Abschreibung")
- Software-Abos, Bücher, Fachzeitschriften, Fortbildungen
- Versicherungen (Berufshaftpflicht, Inhaltsversicherung)
- Reise- und Fahrtkosten zu Messen, Schulungen, Lieferanten (Fahrtenbuch oder 0,30 €/km)
- Arbeitskleidung mit Logo (Schürze), nicht normale Kleidung
- Anteilige Kosten fürs Homeoffice (z. B. Admin-Arbeitsplatz zu Hause)
- Honorar Steuerberaterin, Anwältin, Unternehmensberatung
Nicht absetzbar sind:
- Private Ausgaben (auch wenn du sie versehentlich mit Geschäfts-Karte zahlst)
- Geschenke an Kundinnen > 50 € netto (dann teilweise oder komplett nicht absetzbar)
- Verpflegung für dich selbst (nur bei Geschäftsessen mit klarem Anlass und Teilnehmer-Liste)
- Bußgelder, Strafgelder, Verwarnungen
- Normale Alltagskleidung
- Zahlungen an Angehörige ohne klaren Vertrag (Finanzamt prüft streng)
Abschreibung — wenn Ausgaben über Jahre verteilt werden
Teure Anschaffungen (über 800 € netto, 952 € brutto) werden nicht sofort komplett abgesetzt. Stattdessen wird die Ausgabe über die „gewöhnliche Nutzungsdauer" verteilt — das heißt Absetzung für Abnutzung (AfA).
Wie funktioniert Abschreibung?
Laut amtlicher Tabelle: Nutzungsdauer 8 Jahre für medizinisch-technische Geräte.
Jährliche Abschreibung: 12.000 € ÷ 8 = 1.500 € pro Jahr
→ In Jahr 1 reduziert das Gerät deinen Gewinn nur um 1.500 €, nicht um 12.000 €.
→ In Jahr 2 wieder 1.500 €, und so weiter — bis zum Jahr 8.
Vorsteuer (1.900 € × 19 %) bekommst du aber direkt in Jahr 1 vollständig zurück.
4.5 Einkommensteuer — was du am Ende des Jahres wirklich zahlst
Die Einkommensteuer ist progressiv: wenig Gewinn = wenig Steuer, viel Gewinn = viel Steuer. Der Grundfreibetrag (ab dem überhaupt Steuer fällig wird) liegt 2026 bei 12.096 € für Alleinstehende. Darunter: keine Einkommensteuer.
| Gewinn pro Jahr | Durchschnittssteuersatz | Grenzsteuersatz |
|---|---|---|
| bis 12.096 € | 0 % | 0 % (Freibetrag) |
| 20.000 € | ~10 % | ~25 % |
| 35.000 € | ~17 % | ~32 % |
| 50.000 € | ~23 % | ~38 % |
| 68.430 € und mehr | ~28 %+ | 42 % (Spitzensteuersatz) |
| 277.826 € und mehr | ~33 %+ | 45 % (Reichensteuer) |
Der Grenzsteuersatz gilt für den nächsten verdienten Euro. Der Durchschnittssteuersatz gilt für dein gesamtes Einkommen. Beispiel: bei 35.000 € Gewinn zahlst du im Durchschnitt 17 %, aber auf den nächsten 1.000 € Gewinn 32 %. Deshalb: „absetzen" wirkt mit dem Grenzsteuersatz, nicht mit dem Durchschnitt.
4.6 Gewerbesteuer — die Stadt verdient mit
Die Gewerbesteuer geht an die Stadt, in der der Betrieb sitzt. Jede Stadt hat einen eigenen „Hebesatz" — in vielen Kleinstädten typischerweise 350 %. Für Einzelunternehmerinnen gibt es einen Freibetrag von 24.500 € Gewinn — erst darüber fällt Gewerbesteuer an.
Und: die gezahlte Gewerbesteuer wird teilweise auf die Einkommensteuer angerechnet (bis zu 3,8 × Messbetrag). Faustregel: bei einem Gewinn unter 60.000 € zahlst du fast keine zusätzliche Gewerbesteuer, weil die Anrechnung die Belastung praktisch ausgleicht.
Gewinn 40.000 €, Hebesatz 350 %, ledig
Einkommensteuer: ca. 7.200 € (20 % Durchschnittssteuersatz)
Gewerbesteuer brutto: (40.000 − 24.500) × 3,5 % × 3,5 (Hebesatz) = 1.898 €
Anrechnung auf die Einkommensteuer: ca. 1.900 €
Umsatzsteuer: durchläuft — kein Kostenfaktor
Solidaritätszuschlag: seit 2021 für die meisten Einkommen entfallen
4.7 Der jährliche Steuer-Zyklus
Das Finanzamt schickt im Laufe des ersten Jahres einen Bescheid über Vorauszahlungen. Ab dann sind feste Termine fällig:
- Einkommensteuer-Vorauszahlung: 10. März, 10. Juni, 10. September, 10. Dezember
- Gewerbesteuer-Vorauszahlung: 15. Februar, 15. Mai, 15. August, 15. November
- Umsatzsteuer-Voranmeldung: monatlich am 10. (erste 2 Jahre Pflicht), danach bei geringem Umsatz quartalsweise möglich
- Jahres-Steuererklärung: mit Steuerberaterin bis 28. Februar des übernächsten Jahres (für 2026 → bis 28.02.2028). Ohne Steuerberaterin: 31. Juli des Folgejahres
Im ersten Jahr kennt das Finanzamt deinen Gewinn noch nicht — es gibt keine oder nur kleine Vorauszahlungen. Wenn dann im März des zweiten Jahres der Bescheid über Jahr 1 kommt, sind typischerweise zwei Zahlungen gleichzeitig fällig: die Nachzahlung für Jahr 1 plus die rückwirkenden Vorauszahlungen für Jahr 2. Das kann 10.000–15.000 € auf einmal bedeuten. Wer 30 % konsequent zurückgelegt hat, schafft das. Wer nicht, kommt in ernsthafte Schwierigkeiten.
4.8 Die Kleinunternehmer-Regelung
Die Regelung (§ 19 Umsatzsteuergesetz (UStG)) befreit dich von der Umsatzsteuer, solange du unter 25.000 € Umsatz Vorjahr und 100.000 € laufendem Jahr bleibst. Klingt gut — hat aber zwei Seiten. Details auch im Rechtsformen-Guide Kap. 03.
Hohe Anfangsinvestition
Bei Salon-Aufbau (Möbel, Geräte, Einrichtung) fallen 15–40k € an, davon ~3–7k € Vorsteuer. Als Kleinunternehmerin kannst du diese MwSt nicht zurückholen — du zahlst brutto und kriegst nichts zurück.
Keine saubere Buchungslogik
Du kannst später nicht einfach wechseln — wenn du die 25.000 €-Grenze überschreitest, bist du rückwirkend ab dem Überschreiten umsatzsteuerpflichtig. Kundinnenrechnungen müssen korrigiert werden.
Preis-Optik für Endkundinnen
Deine Preise wirken 19 % günstiger — das kann im Wettbewerbsvergleich Vorteile bringen. Aber: Endkundinnen kaufen selten rein preisgetrieben bei Kosmetik. Qualität und Vertrauen schlagen 19 %.
Weniger Bürokratie
Keine monatliche Umsatzsteuer-Voranmeldung, keine separate Buchung von Vor- und Umsatzsteuer. Spart 1–2 Stunden pro Monat und ~30 € Steuerberaterhonorar.
4.9 Wenn Kundinnen „schwarz" vorschlagen
Das passiert häufiger, als man denkt. Eine Kundin fragt nach der Behandlung: „Können Sie mir eine besondere Rechnung machen, ohne Steuer? Dann haben wir beide was davon." Klingt nett gemeint, ist aber ein rechtlicher Minenfeld. Es lohnt sich, vor dem ersten Fall eine klare Haltung zu haben.
Warum Kundinnen das vorschlagen
- Sie glauben, es sei „kleiner Mitunter-Rabatt"
- Sie verstehen nicht, wie das steuerlich funktioniert
- Sie wollen genuin sparen und sehen keine Konsequenzen für dich
- Gelegentlich: sie haben es bei anderen schon erlebt und denken, das sei normal
Was rechtlich passiert
Wenn du eine Behandlung durchführst und dafür Geld annimmst, ohne das zu verbuchen, erfüllst du den Tatbestand der Steuerhinterziehung nach § 370 Abgabenordnung:
- Geldbuße bei geringem Umfang (ab 500 € hinterzogener Steuer bereits möglich)
- Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren bei Beträgen > 50.000 € pro Jahr, bis zu 10 Jahre bei „besonders schwerem Fall"
- Nachzahlung aller entgangenen Steuern rückwirkend bis zu 10 Jahren, plus 6 % Zinsen pro Jahr
- Gewerbeuntersagung möglich — der Salon darf dann nicht mehr weitergeführt werden
- Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) und Versicherungen verlieren Schutz: wenn die Kundin durch die Behandlung geschädigt wird, zahlt keine Versicherung, weil die Behandlung nicht dokumentiert war
Es reicht eine verärgerte Schwarz-Kundin, eine Nachbarin, eine Ex-Freundin, die anruft und dem Finanzamt einen Tipp gibt. Ein einziger anonymer Hinweis löst eine Betriebsprüfung aus. Dann wird nicht nur eine Schwarz-Rechnung gefunden — das Finanzamt schätzt den gesamten Vorgang systematisch hoch und unterstellt pauschal 20–30 % Schwarzanteil auf alle Jahre. Die Nachzahlung kann sechsstellig werden, ohne dass je das tatsächliche Schwarz-Volumen so hoch war.
Konkrete Skripte — was sagen, wenn es vorgeschlagen wird
Die freundlich-klare Absage
„Ich verstehe den Gedanken, aber das geht leider nicht. Ich bin verpflichtet, jede Behandlung zu dokumentieren — sonst riskiere ich mein komplettes Gewerbe. Gerne gebe ich Ihnen aber einen kleinen Stammkundin-Rabatt auf der offiziellen Rechnung. Was halten Sie von 10 % beim nächsten Termin?"
Die konsequente Haltung
„Ich mache bei mir grundsätzlich keine Ausnahme — weder für Freundinnen noch für Stammkundinnen. Nicht weil ich Ihnen nicht vertraue, sondern weil mein Gewerbe davon abhängt, dass ich jede Einnahme dokumentiere. Wenn das Finanzamt später prüft, reicht ein einziger Fall, um alles infrage zu stellen. Ich gebe Ihnen lieber einen ehrlichen Rabatt, der auf der Rechnung steht."
Die freundlich-konsequente Cashless-Antwort
„Wir sind hier komplett kartenbasiert — Girocard, Visa, Mastercard, Apple Pay und Google Pay nehmen wir alle. Bargeld haben wir bewusst abgeschafft, das steht auch auf unserer Website und am Empfang. Falls Sie gerade nur Bargeld dabei haben: ich schicke Ihnen den Rechnungsbetrag per Zahlungslink auf Ihr Handy — zwei Klicks, fertig."
Was passiert, wenn du schon „in der Grauzone" warst
Wenn du in der Vergangenheit einzelne Beträge nicht verbucht hast, gibt es den Weg der Selbstanzeige nach § 371 AO. Vor der Tat-Entdeckung durch das Finanzamt abgegeben, führt sie zu Straffreiheit (nicht zu Bußgeldfreiheit). Voraussetzungen sind streng: vollständig und rechtzeitig. Wer das machen will, geht unbedingt zu einer Fachanwältin für Steuerrecht — niemals ohne.
4.10 Die häufigsten steuerlichen Fallen
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Rücklage vergessen.
Umsatz wird als Gewinn wahrgenommen, Steuerbescheid kommt mit 9–15 k € Nachzahlung — Panik. Lösung: ab Tag 1 automatische Dauerüberweisung auf Steuer-Rücklagenkonto (30 % jeder Einnahme). -
Private und geschäftliche Ausgaben mischen.
Der iPad wird zu 60 % privat, 40 % geschäftlich genutzt → nur 40 % abschreibbar. Beim Smartphone ähnlich. Finanzamt prüft streng, saubere Trennung spart Ärger und Steuern. -
Rechnungen falsch ausstellen.
Bei Rechnungen über 250 € alle Pflichtangaben nach § 14 Umsatzsteuergesetz: Name und Adresse beider Seiten, Datum, fortlaufende Rechnungsnummer, Leistung, Netto, Umsatzsteuer, Brutto, Steuernummer oder Umsatzsteuer-ID. -
Fahrten und Bewirtung nicht dokumentieren.
Fahrten zu Schulungen, Messen, Lieferanten: Fahrtenbuch führen oder 0,30 €/km pauschal. Bewirtungsbelege brauchen Anlass, Teilnehmer, betrieblicher Grund — sonst nicht abzugsfähig. -
Frist der Steuererklärung verpassen.
Mit Steuerberaterin: 28. Februar des übernächsten Jahres. Ohne: 31. Juli Folgejahr. Verspätungszuschlag: 0,25 % der festgesetzten Steuer pro Monat, mindestens 25 € pro Monat. -
Schwarzarbeit aus Freundschaft oder „nur einmal".
Ein einziger Fall reicht bei Entdeckung, um alle Jahre der Buchhaltung infrage zu stellen. Nie anfangen. Siehe Kap. 4.9.
Alters-Vorsorge
Solo-Selbstständige sind in Deutschland nicht automatisch rentenversichert. Kosmetikerinnen sind — anders als Friseurinnen — auch nicht handwerklich pflichtversichert. Das heißt: Wenn du nichts tust, passiert nichts. Kein Abzug, keine Rente. Altersarmut ist kein abstraktes Risiko, sondern der statistische Normalfall für Solo-Gründerinnen, die sich nicht aktiv kümmern.
5.1 Die Ausgangslage — warum es dringend ist
Drei Zahlen, die man einmal im Leben gehört haben muss:
- Grundsicherung Bayern 2026: ca. 530–580 € / Monat. Das ist das „Auffangnetz", wenn gar nichts sonst da ist.
- Altersarmuts-Risiko selbstständige Frauen in Deutschland: ca. 30 % aller Solo-Selbstständigen ohne private Vorsorge landen unterhalb der Armutsgrenze im Alter (Bertelsmann Stiftung 2024).
- Durchschnittliche Lebenserwartung Frau (*1993): ca. 87 Jahre. Rente mit 67 heißt: 20 Jahre Ruhestand finanzieren.
Der entscheidende Faktor ist nicht die Höhe der monatlichen Rate. Es ist der Startzeitpunkt. Zinseszins ist exponentiell — 10 Jahre früher anfangen ist rechnerisch mehr wert als die Monatsrate zu verdoppeln.
Startalter 29 — oder erst mit 39
Start mit 29: 300 € / Monat, 7 % Rendite (Welt-ETF, historischer Durchschnitt), bis 67 (38 Jahre Laufzeit) → ~620.000 € Depot
Start mit 39: 300 € / Monat, 28 Jahre → ~315.000 € Depot
Start mit 39, aber um aufzuholen 500 € / Monat: → ~525.000 € Depot (fast doppelte Sparrate, trotzdem weniger als der frühe Start)
Der Vermögens-Projektions-Rechner zeigt dir den Effekt live: Startalter, Sparrate, Rendite und Inflation als Regler. Du siehst die Kurve in Echtzeit und kannst Szenarien vergleichen — „was wenn 5 % statt 7 % Rendite?", „was wenn ich 10 Jahre später anfange?". Der beste Weg, Zinseszins wirklich zu verstehen.
5.2 Der ehrliche Rürup-Check
Die Rürup-Rente (offiziell „Basisrente") wird in vielen Beratungsgesprächen als das Vorsorge-Produkt für Selbstständige verkauft. Der Steuervorteil klingt verlockend: bis zu 30.826 € / Jahr absetzbar (2026, Alleinstehende). Wer 10.000 € einzahlt und 35 % Grenzsteuersatz hat, bekommt ~3.500 € direkt vom Finanzamt zurück.
Aber die meisten Rürup-Verträge — besonders die klassischen Versicherungs-Varianten — sind für die allermeisten Solo-Selbstständigen eine schlechte Wahl. Die Verbraucherzentrale, Finanztip und Stiftung Warentest sind sich hier ungewöhnlich einig.
Was Rürup teuer macht
- Abschluss- und Verwaltungskosten: klassische Versicherungs-Rürups fressen in den ersten 5 Jahren 15–20 % der Beiträge. Das ist mehr als der Steuervorteil bei moderatem Einkommen
- Nicht kündbar, nicht auszahlbar: einmal eingezahlt, kommst du an das Geld nie mehr ran. Nur lebenslange Rente, kein Kapital
- Nicht vererbbar (außer an Ehepartner/Kind, und nur während der Auszahlphase mit massiven Einschränkungen). Bei frühem Tod: Geld weg
- Volle nachgelagerte Besteuerung: 2026 sind 84 % der Rente steuerpflichtig, steigt jährlich um 0,5 %. Ab Jahrgang 2058 sind es 100 %
- Garantierente oft ernüchternd: viele Verträge garantieren nur 15–20 € Rente pro 10.000 € eingezahlt — Rest hängt an Überschussbeteiligung (nicht garantiert)
Wo Rürup sinnvoll sein kann
- Sehr hoher Grenzsteuersatz (> 40 %): der Steuervorteil schlägt dann die Kosten deutlich. Gilt ab ca. 75.000 € zu versteuerndem Einkommen, alleinstehend
- Pfändungssicher & Hartz-IV-sicher: bei drohender Insolvenz ist das Geld im Rürup geschützt (auch im Alter)
- ETF-Rürup-Varianten (z. B. Sutor Bank / Raisin, Europa E-BRI) haben deutlich niedrigere Kosten als klassische Versicherungs-Rürups — wenn schon Rürup, dann diese
- Zusätzlich zu einem ETF-Depot, nicht stattdessen — als „kleine Zusatz-Säule" bei sehr gutem Einkommen
In den ersten 5 Jahren Selbstständigkeit ist der Gewinn meistens zwischen 30.000–60.000 €, der Grenzsteuersatz bei 30–35 %. Bei diesen Zahlen ist der Rürup-Steuervorteil marginal — nach Kosten oft genauso viel wie ein einfacher ETF-Sparplan. Im Zweifel: Finger weg, ETF nehmen. Rürup erst in Jahr 6+, wenn Gewinn stabil über 70k € und Grundfundament steht.
5.3 Die vier Wege im ehrlichen Vergleich
| Kriterium | ETF-Sparplan | Rürup (ETF-Variante) | Freiwillige Deutsche Rentenversicherung (DRV) | Immobilie |
|---|---|---|---|---|
| Flexibilität | Maximal — jederzeit raus | Null — lebenslang gebunden | Monatlich änderbar, aber nicht rückholbar | Bindet 20–30 J. Kredit |
| Steuervorteil Einzahlung | Keiner | Bis 100 % absetzbar (max. 30.826 €) | 100 % als Sonderausgaben | Nur bei Vermietung (AfA) |
| Rendite-Erwartung (real, nach Inflation) | 4–6 % p. a. (breit gestreut) | 2–4 % p. a. (nach Kosten) | 1–2 % p. a. | Sehr lagenabhängig, 0–4 % |
| Besteuerung Rente / Auszahlung | 25 % KapSt auf Gewinne | Voll steuerpflichtig (84–100 %) | Voll steuerpflichtig | Mietertrag steuerpflichtig |
| Vererbbar | Ja, vollständig | Nein (außer Ehepartner) | Nein | Ja, vollständig |
| Inflationsschutz | Sehr gut (Sachwerte) | Mäßig (fester Rentenfaktor) | Gut (dynamisch) | Gut (Sachwert) |
| Mindest-Einkommen sinnvoll | Jedes | > 60k € Gewinn | Nur für Mindestversicherungszeit | > 70k € Gewinn + EK |
| Startaufwand | 15 Min (Depot online) | Angebot vergleichen 1–2 h | DRV-Termin, 1 h | Monate |
5.4 ETF-Sparplan — die primäre Säule
Für die erste Säule einer soliden Altersvorsorge als Solo-Gründerin führt kaum ein Weg am ETF-Sparplan vorbei. Einmal eingerichtet, läuft er automatisch — und hat 2025/2026 praktisch keine Kosten mehr.
Depot-Anbieter wählen
- ING — Klassiker, kostenloses Depot, ETF-Sparpläne ab 1 €/Monat, 0 € Ordergebühr bei Aktions-ETFs
- DKB — kostenfrei, großes ETF-Angebot
- Trade Republic — App-first, 1 € Fremdkosten pro Order, sehr einfache UX
- Scalable Capital — Prime-Abo 2,99 €/Monat, dafür alle Orders gratis
Welt-ETF wählen
- Vanguard FTSE All-World (A1JX52) — ~3.700 Unternehmen weltweit inkl. Schwellenländer, TER 0,22 %
- iShares MSCI World (A0RPWH) — ~1.500 Unternehmen aus Industrieländern, TER 0,20 %
- Xtrackers MSCI World (A1XEY2) — thesaurierend (Zinsen werden automatisch reinvestiert), steuereffizient
- Einen ETF wählen, nicht drei. Komplexität ist der Feind der Rendite.
Sparplan einrichten
- Monatliche Rate festlegen: 15–20 % vom Gewinn ist das Ziel
- Ausführung am 1. oder 15. des Monats
- Dynamik aktivieren (jährlich automatisch +5 %)
- Dauerauftrag vom Privatkonto, nicht vom Geschäftskonto
Steuer optimieren
- Freistellungsauftrag einrichten: 1.000 € Kapitalerträge pro Jahr steuerfrei (ledig)
- Thesaurierende ETFs bevorzugen — Steuer fällt erst beim Verkauf an, Zinseszins läuft sauber
- Teilfreistellung 30 % auf Aktien-ETFs wird automatisch angewandt
- Dokumentation: Jahressteuerbescheinigung vom Depot, gibt's automatisch
Fehler 1: Timing — „ich warte bis zum nächsten Crash". 10 Jahre im Markt schlagen in 99 % der Fälle Timing-Versuche. Fehler 2: Zu viele ETFs. Ein Welt-ETF reicht für 95 % aller Privatanleger. Fehler 3: Ausschüttend statt thesaurierend bei Altersvorsorge — du zahlst Steuer auf Ausschüttungen, obwohl du das Geld gar nicht brauchst. Fehler 4: Panik-Verkauf bei Kursschwankungen. Der ETF-Sparplan funktioniert nur, wenn er 20+ Jahre durchgehalten wird.
5.5 Die freiwillige gesetzliche Rente (DRV) — nur für Spezialfälle
Kosmetikerinnen können freiwillig in die Deutsche Rentenversicherung einzahlen (Mindestbeitrag 2026: 112,16 €/Monat, Höchstbeitrag 1.571,70 €). Als reine Altersvorsorge-Strategie ist das selten sinnvoll — die Rendite liegt bei ~1–2 % p. a., ETFs schlagen das langfristig deutlich. Aber es gibt zwei Sonderfälle:
- Mindestversicherungszeit sichern: wer schon 3–4 Jahre angestellt war und aus diesen Jahren Beiträge hat, sollte mit 5 Jahren voll sein (dann Anspruch auf Altersrente). Fehlende Monate freiwillig auffüllen kann sich lohnen
- Erwerbsminderungsrente: wer < 5 Jahre Beiträge hat, bekommt keine Erwerbsminderungs-Rente. Aber: eine gute private Berufsunfähigkeits-Versicherung leistet meistens mehr und flexibler. Für Gründerinnen im Alter 30–34 sind die Berufsunfähigkeits-Prämien moderat, deshalb meist die bessere Wahl als Deutsche Rentenversicherung
Faustregel: DRV freiwillig nur, wenn es um Mindestversicherungszeit oder um Hinterbliebenenrente für Familie geht. Ansonsten: ETF.
5.6 Immobilie — die späte dritte Säule
Die „Rente in Stein" funktioniert, aber nicht in Jahr 1–3 der Selbstständigkeit. Banken geben Solo-Selbstständigen erst ab 3 Jahren Bilanz mit stabilen Zahlen faire Konditionen. Relevant wird Immobilie für dich ab Jahr 4–5:
- Eigengenutzt: Wohnung kaufen spart später Miete — aber bindet 20 % Eigenkapital und 20 Jahre Kreditlast. Nur wenn Standort passt und Bleibe-Absicht da ist.
- Kapitalanlage vermietet: Mieterträge decken die Rate, Wertsteigerung nach 10 Jahren steuerfrei. Nur in guten Lagen mit solidem Mietermarkt. Kleinstädte funktionieren oft besser als Großstädte für eine erste Investition (Eintrittspreis niedriger).
- Klumpenrisiko! Eine einzige Wohnung ist konzentriertes Risiko. ETF-Sparplan bleibt parallel laufen, nicht stattdessen.
5.7 Der 3-Phasen-Plan für dich
Statt einer 60/40-Formel ab Tag 1: Phasenplan, der sich an das wachsende Einkommen anpasst.
Fundament: ETF + Liquidität
Primärziel: Liquiditätspuffer voll (3 Monats-Fixkosten, siehe Kap. 7) + ETF-Sparplan starten
ETF-Sparrate: 150–300 € / Monat (etwa 5–8 % vom Gewinn) — ab der ersten Einnahme, auch wenn klein
Berufsunfähigkeits-Versicherung: Parallel abschließen (siehe Kap. 6) — ersetzt EM-Schutz der DRV
Nicht: Rürup (noch nicht genug Steuervorteil), freiwillige Deutsche Rentenversicherung (Berufsunfähigkeits-Versicherung ist besser), Immobilie
Verdichten: ETF erhöhen, Rürup optional prüfen
ETF-Sparrate: 500–800 € / Monat (15 % vom Gewinn) — jetzt wirkt Zinseszins ernsthaft
Rürup: nur wenn Grenzsteuersatz stabil > 35 % und nur ETF-Rürup (z. B. Sutor Bank Raisin Pension, Europa E-BRI), nie klassische Versicherungs-Rürup
Max. Rürup-Rate: 150–250 € / Monat — nicht mehr, weil Flexibilität wichtiger als marginaler Steuerhebel
Immobilie prüfen: ab Jahr 5 erste Hausbank-Gespräche, wenn Eigenkapital > 40k €
Diversifizieren: Drei Säulen parallel
ETF-Sparrate: weiterhin 20 % vom Gewinn (800–1.500 € / Monat)
Rürup: auf 400–600 € / Monat aufstocken, Steuerhebel voll nutzen (hoher Grenzsteuersatz)
Immobilie: eigengenutzt oder vermietet — Kredit läuft parallel
Rebalancing jährlich: Verhältnis Aktien / Festzins / Immobilie prüfen, mit steigendem Alter langsam defensiver
5.8 Die Psychologie: warum viele zu spät anfangen
Altersvorsorge wird in Deutschland zu 70 % zu spät oder gar nicht begonnen — nicht aus Dummheit, sondern aus vorhersagbaren psychologischen Gründen. Wer die Muster kennt, durchbricht sie leichter:
„Ich kümmere mich, wenn das Geschäft läuft"
Falsch. Das Geschäft läuft nie „fertig" genug. Es gibt immer einen guten Grund zu warten. Lösung: 50 € / Monat ETF-Sparplan ab Tag 1 — symbolisch, aber er macht die Gewohnheit. Erhöhen kommt später.
„Ich verstehe das nicht"
Das Komplexitätsargument ist meist ein Schutzmechanismus gegen das Thema Tod/Alter. Ein Welt-ETF-Sparplan ist einfacher einzurichten als ein neues Booking-System. 20 Minuten, einmal.
„Ich brauch das Geld jetzt"
Unterhaltsame Wahrheit: der ETF-Sparplan ist teilweise liquide. Wenn es wirklich eng wird, kannst du rausgehen. Das „Einsperren" gibt es nur bei Rürup — einer der Gründe, warum ETF meistens besser ist.
„Ich werde eh mit dem Salon gut verkaufen"
Hoffentlich — aber nicht verlassen. Salon-Verkauf ist statistisch unsicher (siehe Vermögen & Exit-Guide Kap. 3). Altersvorsorge muss unabhängig vom Unternehmens-Ausgang funktionieren. Klumpenrisiko vermeiden.
5.9 Dein konkreter Aktionsplan nächste 30 Tage
-
Privat-Depot eröffnen bei ING, DKB, Trade Republic oder Scalable.
Antrag online, 10 Min, PostIdent oder VideoIdent. Dauert 3–5 Werktage. -
ETF-Sparplan einrichten auf einen Welt-ETF (A1JX52 FTSE All-World oder A1XEY2 MSCI World thesaurierend).
Rate: 100–300 € / Monat je nach aktuellem Gewinn. Lieber klein starten als gar nicht. -
Freistellungsauftrag über 1.000 € einrichten.
Damit erste Zinseszins-Beträge steuerfrei bleiben. 2 Klicks im Depot-Interface. -
Berufsunfähigkeits-Angebote vergleichen bei unabhängigen Maklerinnen (Finanzberatung Bierl, Versicherungen mit Kopf).
3 Angebote einholen, ehrlich Gesundheitsfragen ausfüllen, Vertrag mit 1.500 € Berufsunfähigkeits-Rente ab Tag 1 abschließen. -
Rürup NICHT abschließen — auch nicht, wenn jemand danach fragt.
Das Thema in Jahr 5–6 nochmal ehrlich prüfen. Bis dahin: ETF, Berufsunfähigkeits-Versicherung, Liquidität. -
DRV-Konto klären: einmalig Rentenauskunft anfordern bei deutsche-rentenversicherung.de.
So siehst du, ob du schon Beitragsjahre aus Angestellten-Zeit hast. Wichtig für Mindestversicherungszeit-Entscheidung später. -
Jahres-Termin mit Steuerberaterin um Altersvorsorge-Strategie 1× pro Jahr zu reviewen.
Ideal im Oktober (dann können Anpassungen noch fürs laufende Steuerjahr umgesetzt werden).
15–20 % vom Gewinn, monatlich, in einen Welt-ETF. Das ist der gemeinsame Nenner fast jeder seriösen Finanzberatung für Solo-Selbstständige unter 40. Kein Rürup-Versprechen, kein Immobilien-Traum, keine exotische Strategie. Nur Disziplin und 35 Jahre Zeit.
Die Künstlersozialkasse (KSK) versichert selbstständige Künstler und Publizisten zu 50 % subventioniert in GRV, gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und Pflege. Kosmetikerin ist kein KSK-Beruf (keine künstlerische/publizistische Haupttätigkeit). Nicht verwechseln mit Make-up-Artistinnen in TV/Theater — das könnte KSK-fähig sein, aber nur im Hauptberuf und nicht für ein Salon-Geschäftsmodell.
Berufsunfähigkeit & Krankentagegeld
Als Solo-Unternehmerin bist du dein eigenes Einkommen. Wenn der Rücken rausfliegt, die Hand operiert werden muss, oder du 6 Monate wegen Krankheit ausfällst — ohne Versicherung bricht das Haus zusammen. Zwei Policen sind Pflicht, eine dritte sinnvoll.
6.1 Die Berufsunfähigkeits-Versicherung
Zahlt eine monatliche Rente, wenn du deinen Beruf zu ≥ 50 % nicht mehr ausüben kannst. Kosmetikerin gehört zu den mittleren bis höheren Risikoklassen (physische Belastung, Feinmotorik, Rücken).
| Parameter | Premium-Empfehlung |
|---|---|
| Versicherungsbeginn | So früh wie möglich — Preis steigt pro Lebensjahr ~3–5 % |
| Versicherungsdauer | Bis zum Renteneintrittsalter (67) |
| Monatliche Berufsunfähigkeits-Rente | 60–80 % des Nettoeinkommens, min. 1.500 € |
| Karenzzeit | 0 Monate (sofortige Zahlung) |
| Monatsprämie realistisch | 45–90 € / Monat bei 1.500 € Berufsunfähigkeits-Rente, Alter 30–35 |
| Gesundheitsprüfung | Unbedingt bei der Antragstellung ehrlich ausfüllen — Verschweigen = kein Leistungsanspruch |
1) Verzicht auf abstrakte Verweisung — Versicherer darf dich nicht auf „theoretisch möglichen Beruf" verweisen. 2) Nachversicherungsgarantie — bei Einkommenserhöhung Rente anheben ohne Gesundheitsprüfung. 3) Dynamik — Rente steigt mit Inflation mit.
6.2 Krankentagegeld-Versicherung
Als Selbstständige bekommst du von der gesetzlichen Krankenkasse kein Krankengeld, es sei denn du zahlst den Wahltarif extra (dann ab Tag 43). Besser: private Krankentagegeld-Versicherung.
GKV Wahltarif
- Zahlt ab 43. Krankheitstag
- Höhe begrenzt auf Bemessungsgrenze
- Zuschlag auf GKV-Beitrag ~0,6 %
- Vertrag nur für 3 Jahre wählbar
Private Krankentagegeld-Police
- Zahlt ab Tag 15 oder 22 (Karenz wählbar)
- Tagessatz frei wählbar (60–150 € / Tag)
- Prämie ~15–40 € / Monat
- Zusätzlich zu GKV, nicht kombiniert
Mit Krankentagegeld ab Tag 15, 100 € / Tag
Woche 1–2: kein Einkommen, kein Krankentagegeld
Woche 3–4: 14 Tage × 100 € = 1.400 €
Jahresprämie dafür: ~300 € / Jahr
6.3 Dritte Absicherung: Unfallversicherung
Eine private Unfallversicherung (~60–120 € / Jahr) zahlt bei dauerhaften Unfallfolgen eine Einmalsumme oder Rente. Besonders sinnvoll, wenn du handwerklich arbeitest (schneiden, Laser, Maschinen) und das Privatleben auch Risiken hat (Ski, Rad). Berufsgenossenschaft (BGW) deckt nur Arbeitsunfälle — der Skiunfall ist nicht dabei.
6.4 Versicherungs-Priorität nach Budget
- Berufshaftpflicht für Salon (~200–500 € / Jahr) — rechtliche Pflicht/dringend, siehe Rechtsformen-Guide Kap. 08
- Krankenversicherung (GKV/private Krankenversicherung (PKV)) — Pflicht in Deutschland
- Berufsunfähigkeits-Versicherung — wichtigster Schutz für Arbeitskraft
- Krankentagegeld — Überbrückung bei Krankheitsausfällen
- Unfallversicherung — günstig, breite Abdeckung 24/7
- Haftpflicht privat (~50–80 € / Jahr) — Pflicht für jedes Erwachsenen-Leben
6.5 Berufshaftpflicht — die wichtigste Police für Kosmetik
Nach § 276 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) haftet die Kosmetikerin unbegrenzt auch für leichte Fahrlässigkeit. Ein einziger Permanent-Make-up-Fehler mit Narbenbildung oder ein falsch eingestelltes Laser-/Radiofrequenzgerät kann Schadenersatz im fünfstelligen Bereich auslösen — ohne Berufshaftpflicht trifft das Privatvermögen. Die Police kostet 150–300 €/Jahr — billiger als eine einzige Schadensabwehr.
6.5.1 Die Behandlungsliste — was MUSS explizit im Vertrag stehen
Kritischster Check überhaupt. Standard-Kosmetikpolicen decken oft nur „klassische" Behandlungen. Muss wörtlich im Versicherungsschein stehen:
| Behandlung | Häufiger Ausschluss? | Unbedingt prüfen |
|---|---|---|
| Klassische Gesichtsbehandlung | Nein | Standard |
| Peelings (AHA, Enzym) | Teilweise (ab bestimmter pH/Konzentration) | pH-Grenze im Vertrag |
| Permanent Make-up / Microblading | JA — häufigster Ausschluss! | Muss wörtlich drinstehen, oft +15–30 €/J Zusatzprämie |
| Microneedling / Dermaroller | JA — „minimal-invasiv" oft ausgeschlossen | Nadellänge fixieren (0,5 mm? 1,5 mm? 2,5 mm?) |
| Wimpernverlängerung | Häufig mit Kleberallergie-Ausschluss | Allergische Reaktion muss eingeschlossen sein |
| Apparatkosmetik (US, RF, LED) | Meist inkl. | Geräteliste mit CE-Nummer |
| Laser-Haarentfernung (später) | Zusatzbaustein eigene Prämie | Bei Anschaffung sofort melden |
6.5.2 Deckungssummen 2026
Empfehlung für ein Premium-Solo-Profil:
- Personen-/Sachschäden pauschal: 5 Mio. € (Mehrprämie 3 → 5 Mio. nur 15–25 €/Jahr)
- Vermögensschäden: 100.000 €
- Tätigkeitsschäden: 25.000–50.000 € (separat deckeln — oft nur 10k default)
- Mietsachschäden: 500.000 €
- Schlüsselverlust: 25.000 €
6.5.3 Die 7 Fallstricke im Kleingedruckten
Tätigkeitsschaden vs. Folgeschaden
Standard deckt Folgeschaden. Schaden an dem behandelten Objekt (misslungenes Permanent Make-up (PMU), Nachkorrektur 300–800 €) oft separat und niedrig gedeckelt.
Serienschadenklausel
Mehrere Schäden aus gleicher Ursache (z. B. kontaminierte Peeling-Charge) = ein Schadenfall. Keine verschlechterten Klauseln akzeptieren.
Selbstbeteiligung
Günstige Tarife mit 500–1.000 € SB = faktisch kein Schutz bei kleinen Schäden. Max. 250 € SB oder gar keine (+30 €/J).
Geltungsbereich
„Salon only" deckt keine mobilen Behandlungen (Hochzeit). Bei Mobile-Option = Deutschland oder Europa eintragen lassen.
Grobe Fahrlässigkeit
Moderne Policen decken bis volle Deckungssumme. Ältere schließen aus. MUSS-Kriterium.
Unwirksame Einwilligung = kein Schutz
Wenn Kundin nicht § 630d/e BGB-konform (≥ 24 h vorab schriftlich) aufgeklärt, entfällt Einwilligung, Behandlung wird juristisch Körperverletzung — Versicherung zahlt nicht.
Obliegenheiten
Schadensmeldung binnen 7 Tagen, Falschangaben bei Vertragsabschluss, fehlende Hygienedoku, nicht-CE-Geräte = Leistungskürzung/-verweigerung.
6.5.4 Top-3 Anbieter-Vergleich
Continentale KuBuS XXL
~151 €/J · 5 Mio. Deckung
Mehr als 50 Behandlungen explizit, PMU + Microblading inkl. Für ein Premium-Solo-Profil die beste Kombi aus Preis und Umfang.
Hiscox Beauty BHV
~250–380 €/J · 3–5 Mio.
All-Risk-Ansatz, Influencer-Baustein (Social-Media-Vermögensschäden), Image-Save 25k bei Shitstorm.
Haftpflichtkasse Beauty
~150 €/J · 5 Mio.
Gutes Standardpaket. PMU aktiv anfragen und schriftlich einschließen lassen.
Finanzchef24 / Volkswohl Bund
~150 €/J · 2 Mio. + 1 Mio. SB 1.000 €
Günstig, aber hohe SB macht PMU-Nachkorrekturen praktisch unversichert. Für ein Premium-Profil nicht geeignet.
6.5.5 Schadensfall korrekt dokumentieren
- Innerhalb 24–48 h schriftliche Schadensmeldung per E-Mail an Versicherer
- Foto-Dokumentation (mehrere Winkel, mit Datum)
- Anamnese + Einwilligung aus Kartei kopieren
- Chargennummer verwendeter Produkte notieren
- Keine Schuldanerkenntnis gegenüber Kundin (Obliegenheit!)
- Schriftverkehr mit Kundin nur nach Versicherer-Freigabe
- Hygiene-Protokoll des Tages sichern
6.5.6 Die 5 häufigsten Fehler
- Billigtarif ohne PMU/Microneedling-Einschluss → Komplettablehnung im Schadensfall
- Aufklärung schlampig dokumentieren → § 630d BGB unwirksam → Körperverletzung → Versicherung zahlt nicht
- Unterversicherung Inhaltsversicherung → quotale Leistungskürzung (Beispiel: 150k Wert, 100k versichert, 30k Schaden = nur 20k Leistung)
- Obliegenheiten nicht kennen → Leistungsverweigerung (späte Meldung, fehlende Hygienedoku, Umsatzüberschreiten unmeldet)
- Keine Betriebsausfall + kein Krankentagegeld → 6 Wochen Krankheit = Insolvenz nach 2–3 Monaten
6.7 Die Versicherungs-Gesamtübersicht
Kapitel 6.1–6.6 beschreibt die drei wichtigsten Einzelpolicen (Berufshaftpflicht, Berufsunfähigkeit, Krankentagegeld). Dies hier ist die Gesamt-Übersicht aller sinnvollen Versicherungen — damit du weißt, was du brauchst, was es kostet und wann du welche abschließt.
6.7.1 Die 10 relevanten Versicherungen im Überblick
| Versicherung | Pflicht / Empfehlung | Jahresprämie 2026 | Deckungssumme empfohlen | Priorität | Anbieter Top-3 |
|---|---|---|---|---|---|
| Berufs-/Betriebshaftpflicht | Faktisch Pflicht | 150–380 € | 5 Mio. € pauschal | ★ Tag 1 | Continentale KuBuS XXL, Hiscox Beauty, Haftpflichtkasse |
| Geschäftsinhaltsversicherung | Stark empfohlen | 180–400 € | 35–50 k€ je Salon | ★ Monat 1–3 | Allianz, AXA, HDI Gewerbeversicherung |
| Betriebsunterbrechungs-Versicherung | Empfohlen | 200–500 € | 12–24 Monate Fixkosten | ★★ bei Fixkosten > 1.500 €/Mo | Als Baustein bei Inhaltsversicherung |
| Firmen-/Gewerberechtsschutz | Empfohlen | 180–350 € | Standard | ★★ ab Jahr 1 | ARAG, ROLAND, DEURAG, Allrecht |
| Berufsunfähigkeits-Versicherung (BU) | Sehr empfohlen | Je nach Alter 40–120 €/Mo | 1.500–2.500 €/Mo Rente | ★ Tag 1 | Alte Leipziger, Continentale, Volkswohl Bund |
| Krankentagegeld-Versicherung | Sehr empfohlen | 30–80 €/Mo | 80–150 €/Tag | ★★ Monat 1–3 | Barmenia, HUK-Coburg, Debeka |
| Cyberversicherung | Sinnvoll ab Cloud-CRM | 150–350 € | 100–500 k€ Deckung | ★★★ ab Jahr 1–2 | Hiscox CyberClear, Allianz Cyber, HDI Cyber+ |
| Elektronik-/Apparateversicherung | Optional | 1–3 % des Neuwerts | Gerätewert | ★★★ ab 10 k€ Geräte-Investition | Als Baustein Inhaltsversicherung oder separat |
| Gebäudeversicherung | Nur wenn Vermieter-Pflicht übertragen | variabel | — | Prüfen im Mietvertrag | — |
| Private Haftpflicht (du persönlich) | Quasi-Pflicht | 50–80 € | 10 Mio. € | ★ privat | beliebig (Check24-Vergleich) |
6.7.2 Die Absicherungs-Pyramide
Fundament (Tag 1–3):
- Berufshaftpflicht (Deckung Kundinnen-Schäden)
- Berufsunfähigkeits-Versicherung (Arbeitskraft)
- Private Haftpflicht (darf man nie ohne)
- Summe ~250–500 €/Jahr + BU-Monatsbeitrag
Nächste Stufe (Monat 1–3):
- Geschäftsinhaltsversicherung
- Krankentagegeld
- Summe ~400–700 €/Jahr + KT-Monatsbeitrag
Stabilisierungs-Stufe (Monat 4–12):
- Betriebsunterbrechung (als Baustein)
- Gewerberechtsschutz
- Summe ~300–600 €/Jahr
Premium-Stufe (Jahr 2+):
- Cyberversicherung (wenn Cloud-CRM)
- Elektronik-Deckung (wenn Geräte > 15 k€ Wert)
- Summe ~250–600 €/Jahr
Gesamt-Versicherungsbudget Jahr 1: ~1.200–1.800 € + BU/KT monatlich (80–200 €/Mo = ~1.200–2.500 €/Jahr).
Gesamt-Versicherungsbudget Jahr 2+: ~1.800–2.500 € + BU/KT.
6.7.3 Was keine Versicherung abdeckt
- Selbstverschuldete Fehler ohne Dokumentation
- Vorsätzliche Körperverletzung (bei fehlender Einwilligung kann die Behandlung juristisch als solche gelten!)
- Nicht-gemeldete neue Behandlungen (z. B. Laser ohne vorherige Police-Anpassung)
- Umsatzsteigerungen über 30 % ohne Update beim Versicherer
- Schäden an Privatvermögen (braucht separate Privat-Police)
- Vermietete Räume außerhalb des versicherten Salons (z. B. Pop-up-Raum für Workshop)
6.7.4 Querverweise
- Berufshaftpflicht Details: rechtsformen-guide Kap. 8.5 und oben in Kap. 6.5
- BU & Krankentagegeld Details: Kap. 6.1–6.4
- Cyberversicherung — Detail-Szenarien: krisen-guide
- Schaden-Dokumentation Standard Operating Procedure (SOP): operations-handbuch (Beschwerde-SOP)
Liquiditäts-Reserve & Cashflow
Ein profitabler Salon kann pleite gehen, wenn drei Wochen lang keine Kundinnen kommen und die Miete trotzdem fällig ist. Liquidität ≠ Gewinn. Cashflow-Management ist, was Solo-Salons durch harte Monate bringt.
7.1 Die „3-Monats-Regel"
Der Puffer, den jede Solo-Unternehmerin aufbauen sollte: 3 × Monatsfixkosten in Cash, separat auf einem Tagesgeldkonto.
Monatliche Fixkosten
Miete Salon & Nebenkosten: 800 €
Versicherung (Berufshaftpflicht, Inhaltsversicherung): 80 €
Software (Booking, Kasse, E-Mail): 100 €
Steuerberaterin: 150 €
Telefon, Internet, sonstige: 70 €
Private Entnahme-Mindestbedarf: 2.000 €
7.2 Wie du die Reserve aufbaust
-
Start-Reserve aus dem Gründungskredit.
Beim KfW-Gründerkredit zusätzlich 10.000 € als Liquiditätspuffer einplanen (siehe Salon Setup-Guide). -
Laufendes Auffüllen: 10 % jeder Einnahme.
Bis die Reserve voll ist. Danach fließt der Anteil in die Altersvorsorge (siehe Kap. 3). -
Reserve anfassen nur bei echter Notfall-Situation.
Nicht für neues iPad, nicht für Urlaub, nicht für Fortbildung. Nur bei Umsatzeinbruch > 30 % oder unerwarteter Reparatur. -
Jedes Quartal Check.
Stimmt die Höhe noch? Wenn Fixkosten gestiegen sind, Reserve anheben.
7.3 Der Cashflow-Kalender
Ein einfaches Excel-Sheet oder Tool wie Lexoffice Liquiditätsplanung / Agicap zeigt für 13 Wochen im Voraus: was kommt rein, was geht raus, Saldo am Ende der Woche. Für Kosmetik-Solo reicht Excel mit 4 Spalten:
| Woche | Einnahmen erwartet | Fixe Ausgaben | Saldo Ende |
|---|---|---|---|
| KW 18 / 04.–10. Mai | 1.400 € (Buchungen) | 800 € Miete | ~600 € Überschuss |
| KW 19 / 11.–17. Mai | 1.200 € | Material 250 €, Soft. 80 € | ~870 € Überschuss |
| KW 20 / 18.–24. Mai | 900 € (Feiertag) | — | ~900 € Überschuss |
| KW 21 / 25.–31. Mai | 1.400 € | ESt-Vorauszahlung 1.500 € (10.6.) | −100 € — knapp! |
13 Wochen voraus sehen = 3 Monate Vorlauf für Korrekturmaßnahmen. Wenn in KW 21 ein negativer Saldo auftaucht: Marketing-Push für Juni starten, Gutscheine promoten (siehe Marketing-Plan-Guide Kap. Ertragsmodell), Termin mit Steuerberaterin zum Thema Vorauszahlung.
7.4 Kontokorrent statt Dispo?
Ein Kontokorrent (bewilligte Kreditlinie) auf dem Geschäftskonto ist eine zusätzliche Sicherheit — für echte Notfälle, nicht für laufende Dinge. Typische Konditionen:
- Kontokorrentlinie: 2–3 × Monatsumsatz, also 6.000–12.000 €
- Zinssatz: 8–12 % p. a. (deutlich höher als normale Kredite)
- Einrichtungsgebühr meist kostenlos
- Nur als Brücke, nicht als Dauerlösung — dauerhafter Einsatz signalisiert Bank „Geschäft kippt"
7.5 Förderungen & Kredite für die Gründung
Die KfW StartGeld wurde zum 01.12.2025 auf 200.000 € angehoben. Kombiniert mit LfA Förderbank Bayern (LfA) Bayern und Zuschüssen kommst du mit Glück auf ~45.000 € Finanzrahmen + 5.500 € nicht-rückzahlbare Zuschüsse — und zahlst im ersten Jahr nur die Zinsen.
| Baustein | Betrag | Zweck |
|---|---|---|
| KfW ERP-Gründerkredit StartGeld (067) | bis 30.000 € | Hauptfinanzierung Einrichtung + Geräte |
| LfA Startkredit / GuW Bayern | 8.000 € | Ergänzung + Liquiditätspuffer |
| Vorgründungscoaching Bayern (IHK) | +3.500 € Zuschuss | Businessplan + Positionierung |
| Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) Jungunternehmer-Beratung | +2.000 € Zuschuss | Marketing-Coaching Jahr 1 |
Details der wichtigsten Programme
KfW ERP-StartGeld (067)
- Bis 200.000 €, 10 Jahre Laufzeit
- 2 Jahre tilgungsfrei
- ~4,5–5,5 % effektiv
- 80 % Haftungsfreistellung für Hausbank
- Antrag nur über Hausbank (Sparkasse, VR Bank, Commerzbank)
LfA GuW Bayern
- Ab 10.000 €, bis 20 Jahre Laufzeit
- Bis 3 Jahre tilgungsfrei
- ~3–8,6 % je Bonität
- Kombinierbar mit KfW
Vorgründungscoaching Bayern
- 70 % Zuschuss
- Max. 560 €/Beratertag
- Bis 5.600 € gesamt
- Muss vor Gewerbeanmeldung beantragt werden
Gründungszuschuss Agentur für Arbeit
- Nur bei Arbeitslosengeld I (ALG-I)-Bezug mit ≥ 150 Tagen Restanspruch
- Phase 1 (6 Mo): ALG-I + 300 €/Mo
- Phase 2 (9 Mo nach Prüfung): 300 €/Mo
- Gesamt ca. 10–20k € steuerfrei, keine Rückzahlung!
- Vorzeitiger Maßnahmebeginn — Mietvertrag unterschreiben, Geräte bestellen, Anzahlung leisten vor Antrag = Förderung komplett futsch
- Unrealistischer Finanzplan (kein 10–20 % Puffer, KV-Kosten unterschätzt, Privatentnahme zu niedrig)
- Nur eine Hausbank angesprochen — immer 2–3 parallel (z. B. lokale Sparkasse + VR Bank + Commerzbank)
- KfW mit KfW kombinieren wollen (verboten). Erlaubt: KfW + LfA + Bürgschaftsbank
- Falscher Zeitpunkt — Vorgründungscoaching vor Gewerbeanmeldung, Gründungszuschuss vor Aufnahme Tätigkeit, BAFA nach Gründung aber vor Beratungsbeginn
- Bayern zahlt keine Meistergründungsprämie (im Gegensatz zu NRW, Hamburg, Saarland). Nur „Meisterbonus" 2.000 € nach bestandener Prüfung
- Mikrokredit Deutschland wird 30.06.2026 eingestellt — letzte Chance
- InvestEU / EaSI läuft über deutsche Intermediäre (GLS Bank, KfW) — keine direkten Anträge möglich
Siehe auch Salon-Setup-Guide Kap. „Finanzierung" für die Unterlagen-Checkliste und Timeline des Kreditantrags.
Preis-Kalkulation — welches Modell wann?
Preise entstehen nicht durch Bauchgefühl, sondern durch Rechnung — und wer falsch rechnet, verliert jeden Monat Geld, ohne es zu merken. Falsch kalkuliert heißt: du arbeitest voll, die Kasse klingelt, aber am Ende des Monats bleibt weniger übrig als nötig. Richtig kalkuliert heißt: du weißt am 15. des Monats schon, ob du vorwärts kommst, weil du deine Zahlen im Kopf hast. Dieses Kapitel zeigt dir die drei Grundmodelle der Kalkulation, wann welches passt, und fünf Werkzeuge, mit denen du in jeder Situation — Preisliste, Last-Minute-Anfrage, Rabatt, Jahres-Review — die richtige Entscheidung triffst.
8.1 Die drei Kalkulations-Grundmodelle
Jede Preis-Entscheidung lässt sich auf eines dieser drei Modelle zurückführen. Kein Modell ist „richtig" oder „falsch" — jedes hat seinen Sweet-Spot.
Vollkostenrechnung
Was: Alle Kosten (fix + variabel) werden auf die Behandlungen verteilt. Preis = Gesamtkosten + Gewinn-Aufschlag.
- Sweet-Spot: Betriebe mit mehreren Mitarbeiterinnen, Preislisten-Erstellung, Jahres-Budget
- Nicht geeignet für: schnelle Einzel-Entscheidungen im Solo-Alltag
Deckungsbeitragsrechnung
Was: Preis − variable Kosten = Deckungsbeitrag (DB). Alle DBs zusammen müssen Fixkosten + Gewinn decken.
- Sweet-Spot: Solo-Salon, Sortiments-Entscheidungen, knappe Zeit
- Nicht geeignet für: Langzeit-Preis-Strategie ohne Break-even-Wissen
Grenzkostenrechnung
Was: Nur die zusätzlichen Kosten der nächsten Einheit, wenn die Fixkosten bereits gedeckt sind.
- Sweet-Spot: Last-Minute-Slots füllen, freie Stunden retten
- Nicht geeignet für: Preislisten oder regelmäßige Preise
8.2 Vollkostenrechnung — der Klassiker
Was: Du nimmst alle Kosten — fix und variabel — und verteilst sie auf die geplanten Behandlungen. Plus einen Gewinn-Aufschlag. Das Ergebnis ist deine rechnerische Preis-Untergrenze.
Fixkosten pro Monat: Miete 800 € + Versicherung 80 € + Software 100 € + Steuerberaterin 150 € + Sonstiges 70 € + Privatentnahme 2.000 € = 3.200 €.
Geplantes Volumen: 120 Behandlungen pro Monat.
Fixkostenanteil pro Behandlung: 3.200 € / 120 = 26,67 €.
Variable Kosten Wimpern-Neuanlage: Kleber 4 € + Pads 1 € + Strom/Verbrauch 0,50 € = 5,50 €.
Gesamtkosten pro Behandlung: 26,67 € + 5,50 € = 32,17 €. Plus 30 % Gewinn-Aufschlag ≈ 42 €.
Minimum-Preis nach Vollkostenrechnung: 42 €.
Aber: Der Marktpreis für eine Wimpern-Neuanlage liegt in vielen Kleinstädten bei rund 149 €. Warum diese Lücke? Weil Wert-basierte Preisbildung den Markt steuert — nicht die reine Kostenrechnung. Die Vollkostenrechnung zeigt dir die Untergrenze, nicht den zu nehmenden Preis. Unter 42 € verlierst du Geld, über 42 € bleibt Gewinn — wie viel genau, entscheidet die Positionierung.
Vorteile
- Alle Kosten sind sichtbar — keine versteckten Posten
- Langfristige Planungs-Grundlage (Jahres-Budget)
- Gut für Preislisten-Erstellung bei vielen Services
- Professionelle Gewinn-Kalkulation — gut kommunizierbar
Nachteile
- Fixkosten-Zuordnung ist willkürlich — wie verteilst du Miete auf Wimpern vs. PMU?
- Führt zu überhöhten Preisen bei schwacher Auslastung (wenige Behandlungen = hoher Anteil pro Behandlung)
- Blendet Mischkalkulations-Potenzial aus — jede Behandlung muss für sich tragen
Größere Betriebe mit mehreren Mitarbeiterinnen; langfristige Budget-Planung (Jahres-Plan); Service-Portfolio stabil und nicht täglich verhandelt; klassische Basis für Preislisten in Dienstleistungsbetrieben wie Werkstätten. Für dich als Solo: nicht das Hauptwerkzeug, aber der Sanity-Check einmal im Jahr („Deckt der Marktpreis überhaupt meine Vollkosten?").
8.3 Deckungsbeitragsrechnung — der Solo-Klassiker
Was: Du ziehst nur die variablen Kosten vom Preis ab. Was übrig bleibt, ist der Deckungsbeitrag (DB) — der Betrag, der zur Deckung der Fixkosten und zum Gewinn beiträgt. Die Summe aller DBs im Monat muss die Fixkosten übersteigen, damit Gewinn entsteht.
Preis: 149 €. Variable Kosten: 5,50 €. Deckungsbeitrag: 149 − 5,50 = 143,50 € pro Behandlung.
Bei 25 Wimpern-Neuanlagen im Monat: 25 × 143,50 € = 3.587,50 € DB-Summe.
Minus 3.200 € Fixkosten = 387,50 € Gewinn.
Mit zweitem Service — Lash Lift: Preis 79 € − 2 € var. Kosten = 77 € DB. Bei 15 Lash Lifts / Monat = 1.155 € DB-Summe.
DB-Gesamt: 3.587,50 € + 1.155 € = 4.742,50 €. Minus 3.200 € Fixkosten = 1.542,50 € Gewinn.
Vorteile
- Zeigt direkt, welche Behandlung wie viel beiträgt
- Entscheidungsgrundlage: „Soll ich das überhaupt anbieten?"
- Flexibler für Sortiments-Änderungen — kein Neu-Umlegen von Fixkosten nötig
- Passt zu Solo-Salons, in denen Zeit knapp ist — in 5 Minuten gerechnet
Nachteile
- Fixkosten müssen separat gerechnet werden (Break-even-Formel, siehe 8.8)
- Verführt zu zu niedrigen Preisen — ein positiver DB heißt noch nicht, dass Fixkosten gedeckt sind
- Reicht nicht als alleinige Langzeit-Preis-Strategie
Solo-Salon, kurze Entscheidungen („Passt dieser Service noch zu meinem Portfolio?"), knappe Ressourcen (Zeit), Sortiments-Optimierung, Portfolio-Analyse. Das Hauptmodell für dein Jahr 1 und Jahr 2. Die Vollkostenrechnung ist dann nur der Sanity-Check einmal im Jahr.
8.4 Grenzkostenrechnung — für Auslastungs-Entscheidungen
Was: Wenn die Fixkosten im Monat bereits gedeckt sind, zählen nur noch die variablen Kosten der nächsten Behandlung. Alles, was über den variablen Kosten liegt, ist fast reiner Gewinn — weil Miete, Versicherung, Software schon bezahlt sind.
Es ist der 27. des Monats. Die Gründerin hat bereits 21 Behandlungen gemacht und ihre Fixkosten von 3.200 € damit praktisch gedeckt. Eine Stammkundin fragt kurzfristig nach einem Refill.
Normalpreis Refill: 89 €. Variable Kosten: 3 €. Grenzbeitrag: 86 € = fast vollständiger Gewinn.
Sogar ein Sonderpreis von 50 € wäre noch lohnend: Grenzbeitrag 47 € statt 0 € bei leerem Slot. Der leere Slot ist die Alternative, nicht der volle Preis.
Grenzkosten sind ein Werkzeug für Rand-Entscheidungen, nicht für regelmäßige Preise. Wenn Stammkundinnen erfahren, dass Freitag-19-Uhr-Slots billiger sind, hast du ein Kalkulations-Problem — jede Kundin will dann den Rabatt-Slot. Grenzkosten sind stille Entscheidungen: sie passieren einmal, werden nicht kommuniziert, und gelten nie als Regel.
Vorteile
- Optimale Kapazitäts-Nutzung — kein Slot bleibt leer, wenn Nachfrage da ist
- Zeigt den echten Zusatznutzen einer Einzel-Entscheidung
- Schützt vor dem „Ich lasse den Slot lieber leer"-Denkfehler
Nachteile
- Nur für Rand-Entscheidungen geeignet — keine Basis für Preislisten
- Kann Stammkundinnen verärgern, wenn die Rabatt-Logik bekannt wird
- Führt zu Preis-Verwirrung, wenn als Regel angewendet
Last-Minute-Stornos auffüllen; temporär leer stehende Stunden nutzen; Kapazitäts-Entscheidungen bei freier Zeit. Als Werkzeug im Hintergrund, nicht als Leitmodell. Der Preis in der Liste bleibt 89 € — aber einmal im Monat ein Refill zu 50 € statt leerem Slot ist eine rationale Entscheidung.
8.5 Mischkalkulation — wenn Services sich gegenseitig stützen
Was: Das Portfolio-Konzept. Nicht jede Behandlung muss für sich allein tragen — manche sind Einstiegs-Services (niedriger DB, aber sie ziehen Kundinnen in den Salon), andere sind Träger-Services (hoher DB, sie machen das Geld). Die Einstiegs-Services subventionieren die Akquise.
| Service | Preis | Dauer | DB absolut | DB/h | Rolle im Portfolio |
|---|---|---|---|---|---|
| Lash Lift | 79 € | 0,75 h | 77 € | 93 €/h | Einstiegs-Magnet — lockt Neukundinnen |
| Refill Wimpern | 89 € | 1,0 h | 85 € | 85 €/h | Continuity — bringt wiederkehrende Kundinnen |
| Classic-Neuanlage | 149 € | 2,0 h | 143 € | 72 €/h | Standard-Umsatz |
| PMU Powder Brows | 390 € | 2,5 h | 350 € | 140 €/h | Träger-Service — höchste Marge |
Strategie: Der Lash Lift wird bewusst günstig gehalten (unter dem reinen DB-Optimum), weil die Kundin anschließend oft die Wimpern-Neuanlage bucht — und in einigen Fällen später das PMU. Der Lash Lift ist nicht das Geschäft, sondern der Türöffner.
Wenn der Einstiegs-Service zu billig wird, zerstört er die Premium-Positionierung. Eine Kundin, die einen 29-€-Lash-Lift bucht, bucht später keine 390-€-Powder-Brows — sie hat dich als „günstig" kategorisiert. Die Premium-Grenze: Kein Einstiegs-Service unter 60 €. Darunter wird Akquise zu Rabatt-Schleuder.
Portfolio-Strategie mit mehreren Services; Einstiegs-Angebote als Pipeline-Füller; gezielte Lock-In-Services wie Abos oder Serien.
8.6 Die Preis-Entscheidungs-Matrix
Welches Modell in welcher Situation? Diese Matrix ist die Abkürzung — du musst nicht jedes Mal alle drei Modelle durchrechnen.
| Situation | Ideales Modell | Warum |
|---|---|---|
| Jahr 1–2 Solo, Standard-Entscheidungen | Deckungsbeitrag | Zeit knapp, Fixkosten stabil |
| Neuen Service aufnehmen | Vollkosten als Untergrenze + DB als Realitätscheck | Langfrist-Preis + Sortiments-Passung |
| Last-Minute-Slot füllen | Grenzkosten | Alles über den variablen Kosten ist Plus |
| Portfolio überprüfen (jährlich) | DB pro Stunde (Menu-Engineering) | Zeigt, welcher Service pro Stunde am meisten bringt |
| Neues Gerät anschaffen (Invest > 3.000 €) | Vollkosten mit Amortisation | Geräte-Kosten über 3–5 Jahre verteilen |
| Ab der ersten Mitarbeiterin | Vollkosten primär + DB als Ergänzung | Fixkosten-Zuordnung wird sinnvoll messbar |
| Bei knapper Auslastung | DB + Grenzkosten-Werkzeug | Was ziehe ich noch rein, bevor der Tag leer bleibt? |
| Bei Preiserhöhung (jährlich) | Preis-Hebel-Rechnung (siehe 8.11) | 5 % mehr Preis = ~15–20 % mehr Gewinn |
8.7 Der Wachstumspfad — welches Modell ab wann
Welches Modell im Zentrum steht, hängt von der Phase ab. Mit wachsender Struktur verschiebt sich das Gewicht.
-
Jahr 1–2 (Solo):
Deckungsbeitrag ist das Hauptwerkzeug. Vollkosten nur als Sanity-Check für die Preisliste. Grenzkosten als stiller Notfall-Hebel bei leeren Slots. -
Ab der ersten Mitarbeiterin (Jahr 2–3):
Vollkostenrechnung gewinnt an Bedeutung. Eine Mitarbeiterin ist ein neuer großer Fixkosten-Block, der über alle Services verteilt werden muss. Gleichzeitig bleibt DB wichtig: welche Mitarbeiterin macht welche Services mit welchem DB — und passt das Verhältnis zum Stundenlohn? -
Ab zweitem Behandlungsstuhl / Second Location:
Profit-Center-Rechnung. Jede Location wird wie ein eigenes Unternehmen gerechnet — eigene Fixkosten, eigener DB, eigener Gewinn. Vollkosten sind primär, DB pro Location als Steuerungsinstrument.
8.8 Werkzeug 1: Die Break-even-Rechnung
Warum: Die Break-even-Zahl sagt dir, ab welcher Behandlung im Monat du in den Gewinn kommst. Ohne diese Zahl pilotierst du blind.
Fixkosten / durchschnittlicher Deckungsbeitrag = Break-even-Behandlungen pro Monat
Beispiel: 3.200 € / 110 € Ø-DB = 29 Behandlungen pro Monat für die schwarze Null. Jede Behandlung darüber ist reiner Gewinn.
| Durchschnittlicher DB | Break-even bei 3.200 € Fixkosten | Bewertung |
|---|---|---|
| 80 € | 40 Behandlungen / Monat | Eng — fast 2 Behandlungen pro Arbeitstag nur fürs Überleben |
| 110 € | 29 Behandlungen / Monat | Gesund — entspricht ~7 Behandlungen pro Woche |
| 150 € | 22 Behandlungen / Monat | Komfortabel — Spielraum für Pausen, Krankheit, Fortbildung |
Am 15. des Monats weißt du sofort: schon über 29 Behandlungen? Dann bist du im Plus. Noch bei 18? Dann sind die nächsten zwei Wochen entscheidend. Diese Zahl hängt als Post-it am Spiegel oder steht in Notion — nicht in irgendeinem Excel, das du einmal angelegt hast.
8.9 Werkzeug 2: Deckungsbeitrag pro Stunde (DB/h)
Warum: Deine knappste Ressource ist Zeit, nicht Material. Der DB pro Stunde zeigt, welcher Service pro Zeiteinheit am meisten bringt — und diese Kennzahl entscheidet, welche Services in den Vordergrund gestellt werden.
PMU Powder Brows: 140 €/h — höchster DB/h, Träger-Service
Lash Lift: 93 €/h — hoher DB/h trotz niedrigem Absolutpreis, weil kurz
Refill Wimpern: 85 €/h — solide, hohe Wiederkehr
Classic-Wimpern-Neuanlage: 72 €/h — niedrigster DB/h im Portfolio
Entscheidungs-Konsequenz: PMU aktiv auf Instagram pushen (höchster DB/h rechtfertigt Marketing-Budget), Classic-Wimpern als Continuity-Service halten aber nicht pushen, Lash Lift als Einstiegs-Magnet bepreisen. Das ist keine Bauch-Entscheidung — es ergibt sich aus der Rechnung.
8.10 Werkzeug 3: Menu-Engineering für Services
Übertragen aus der Gastronomie: eine 2×2-Matrix aus Marge × Nachfrage. Jeder Service landet in einem Quadranten — und jeder Quadrant hat eine klare Handlungsempfehlung.
Hohe Marge + hohe Nachfrage
- Beispiel im Premium-Salon: PMU Powder Brows
- Aktiv pushen in Marketing und Beratung
- Preiserhöhung oft möglich — Nachfrage trägt
Niedrige Marge + hohe Nachfrage
- Beispiel: Classic-Wimpern-Neuanlage
- Preis prüfen oder Prozess straffen (Zeitersparnis = DB/h-Erhöhung)
- Nie abschaffen — sie bringen Kundinnen in den Salon
Hohe Marge + niedrige Nachfrage
- Beispiel: Brow-Lift
- Mehr Marketing nötig, erklären warum wertvoll
- Hohe Marge rechtfertigt Aufklärungs-Arbeit
Niedrige Marge + niedrige Nachfrage
- Streichen aus dem Portfolio
- Blockieren Kapazität und Aufmerksamkeit
- Jährlicher Check: was hat sich nicht bewährt?
Das Menu-Engineering gehört in die Jahres-Klausur (siehe Betriebsrhythmus-Guide). Eine Stunde, alle Services auf die Matrix legen, Entscheidungen treffen. Nicht monatlich — das schafft nur Unruhe. Jährlich reicht.
8.11 Werkzeug 4: Die Preis-Hebel-Rechnung
Warum: Bei ca. 75 % DB-Marge und ca. 35 % Fixkostenquote bedeutet eine 5 % Preiserhöhung bei gleicher Nachfrage ~15–20 % mehr Gewinn. Der Hebel ist überproportional — weil variable Kosten kaum steigen und Fixkosten stabil bleiben. Die 5 % landen fast komplett im Gewinn.
Ausgangslage: Umsatz 7.000 € · DB-Marge 75 % → DB 5.250 € · Fixkosten 3.200 € → Gewinn 2.050 €.
Nach +5 % Preis: Umsatz 7.350 € · DB 75 % → DB 5.512,50 € · Fixkosten 3.200 € → Gewinn 2.312,50 €.
Gewinn-Zuwachs: +12,8 % — bei stabiler Nachfrage und unveränderter Behandlungszahl.
Psychologie: Dieser Hebel macht die Preiserhöhung zur ersten Maßnahme bei knappem Gewinn, nicht zur letzten. Kundinnen spüren 5 % selten — aus 149 € werden 156 €, aus 89 € werden 93 €. Der Gewinnhebel ist riesig, das Risiko klein. Details zur Kommunikation im Marketing-Plan-Guide (Preiserhöhungs-Playbook).
8.12 Werkzeug 5: Die harte Preis-Untergrenze
Warum: In Verhandlungssituationen — Rabatt-Anfragen, Gutschein-Kombinationen, Ehepartner-Zusatzbehandlung — brauchst du eine Zahl im Kopf. Nicht eine Formel, die du erst rechnen musst. Die Preis-Untergrenze ist der Punkt, unter dem die Behandlung Geld kostet statt bringt.
Preis-Untergrenze = variable Kosten + Fixkostenanteil + Minimum-Gewinn (z. B. 10 €)
Für einen Solo-Salon ergibt sich:
- Wimpern-Neuanlage: ≥ 129 €
- Refill: ≥ 75 €
- Lash Lift: ≥ 65 €
Rabatt-Aktionen, Gutscheine, Kombi-Angebote, Ehepartner-Zusatzbehandlung — alles muss über dieser Untergrenze bleiben. Sonst verlierst du Geld. Wenn eine Kundin fragt „Gibt es Rabatt, wenn ich 3 Termine auf einmal buche?" — du rechnest nicht, du weißt: unter 129 € geht kein Neuanlage-Rabatt. Die Antwort kommt in 5 Sekunden, nicht in 5 Minuten.
8.13 Die kritischen Fehler in der Kalkulation
- Fixkosten beim Gewinn-Aufschlag vergessen — Miete, Versicherung und Software sind nicht einkalkuliert, der „Gewinn" ist in Wahrheit nur Umsatz minus Material.
- Eigenen Stundenlohn unrealistisch angesetzt — 40 Stunden pro Woche sind nicht realistisch billable. Realistisch sind 20–25 Stunden reine Behandlungszeit; der Rest geht für Beratung, Verwaltung, Social Media, Einkauf drauf.
- Material-Kosten nur überschlagen, nicht gemessen — „so grob 5 €" statt gemessener 8,20 €. Bei 120 Behandlungen im Monat entstehen daraus 384 € Unterdeckung pro Monat.
- Rabatt-Gutscheine ohne Untergrenze-Check verkaufen — „50 € Gutschein für eine Neuanlage" klingt gut und verliert Geld. Jeder Gutschein muss durch Werkzeug 5 (Preis-Untergrenze) laufen.
- Einmal-Preise nie wieder erhöhen — Inflation frisst den Gewinn langsam weg. 2 % Preiserhöhung pro Jahr ist Minimum, um nur Stand zu halten. Ohne jährlichen Pricing-Review verlierst du schleichend.
Details zu Margen pro Behandlung und zur konkreten Material-Kalkulation je Service: siehe Behandlungs-Katalog.
Finanz-Kennzahlen für Salons
Was jeder Monat in Zahlen erzählen sollte. Fünf Kennzahlen, die zeigen, ob das Geschäft gesund ist, lange bevor der Steuerbescheid kommt.
Auslastung (Kalender-Füllquote)
Formel: gebuchte Stunden / verfügbare Stunden × 100
- Solo-Kosmetik gesund: 65–80 %
- Über 85 %: du brauchst höheren Preis oder mehr Kapazität
- Unter 55 %: Marketing-Problem
Umsatz pro Stunde
Formel: Monatsumsatz / gebuchte Behandlungsstunden
- Kosmetik Premium 2026: 70–110 € / h netto
- Mit Zusatzverkauf (Pflegeprodukte): +15–25 %
- Ziel: Jahr 2 > 85 € / h
Deckungsbeitrag pro Behandlung
Formel: Behandlungspreis − variable Kosten (Material, Kartengebühr)
- Klassische Kosmetik: 70–85 % Marge
- Laser / Intense Pulsed Light (IPL): 85–95 % (Gerät abgeschrieben)
- Wimpern & Brauen: 75–85 %
Wiederkehr-Rate
Formel: Kundinnen mit ≥ 2 Besuchen in 6 Monaten / Gesamtkundinnen
- Solo-Salon gesund: 55–70 %
- Unter 45 %: Kundinnen-Bindungs-Problem
- Siehe CE-Guide für Maßnahmen
Fixkosten-Quote
Formel: monatliche Fixkosten / Monatsumsatz × 100
- Gesund: unter 35 %
- Warnzone: 35–50 %
- Kritisch: > 50 % — keine Puffer bei Umsatzdellen
Net-Einkommen-Rate
Formel: Gewinn nach Steuer + Sozialversicherung (SV) / Monatsumsatz × 100
- Solo-Ziel Jahr 2: 40–50 %
- Jahr 1 realistisch: 25–35 % (Anlaufinvestition)
- Unter 20 % dauerhaft: Pricing oder Kostenstruktur überprüfen
8.1 Das monatliche Finanz-Dashboard
Ein einseitiges Excel oder Notion-Dashboard am 3. jedes Monats (20 Minuten):
Das Monats-Dashboard
- Umsatz gesamt (netto)
- Umsatz nach Behandlungskategorie (Gesicht / Wimpern / Brauen / Laser / Sonstiges)
- Anzahl Kundinnen · davon Neukundinnen
- Auslastung (%)
- Umsatz / Stunde
- Fixkosten-Summe
- Gewinn vor Steuer
- Steuer-Rücklage des Monats
- Liquidität: Stand aller drei Konten
- Wichtigste Beobachtung + Maßnahme für nächsten Monat
8.2 Pricing-Review — zweimal im Jahr
Im Januar und Juli (oder April und Oktober): eine Stunde Zeit, alle Preise prüfen. Die Entscheidungsgrundlage:
- Sind Material- oder Mietkosten seit letzter Review um > 3 % gestiegen?
- Liegt meine Auslastung > 80 %? → Preis anheben (5–8 %)
- Liegt mein Umsatz / Stunde unter dem lokalen Median? → prüfen, siehe Marketing-Plan Kap. Pricing
- Gibt es einzelne Behandlungen mit < 60 % Marge? → abschaffen oder Preis anpassen
Kundinnen 4 Wochen vorher informieren: freundlicher Hinweis per E-Mail, kurz auf der Website. Die Erhöhung bei der nächsten Buchung mündlich erklären („Mit den gestiegenen Material- und Mietkosten..."). Kundinnen akzeptieren 5–8 % fast ausnahmslos, wenn die Qualität stimmt.
8.3 Retail-Performance & Margen-Analyse
Retail-Produkte bringen 8–15 % vom Umsatz und sind oft der höchstmargige Umsatz-Stream im Salon — aber sie binden Kapital im Regal. Ein Produkt, das sechs Monate steht, kostet dich sowohl die gebundenen 50 € als auch den Regalplatz, den ein Umsatzbringer hätte haben können. Diese Sektion zeigt, wie du Produkt-Performance misst und handelst. Einkaufs-Prozess und Lieferantenauswahl sind im Operations-Handbuch SOP 14, Produktlinie-Strategie im Wachstums-Guide Kap. 7.
8.3.1 Die vier Kennzahlen für Retail
Umschlagshäufigkeit
Formel: Jahres-Verkaufsmenge (Stück) / Durchschnittsbestand (Stück)
- Ziel Beauty-Retail: 4–8× pro Jahr (alle 1,5–3 Monate durch Bestand)
- Unter 2×: Problem → Maßnahme einleiten
- Über 10×: tendenziell zu wenig Bestand, Out-of-Stock-Risiko
Handelsspanne
Formel: (UVP netto − EK netto) / Unverbindliche Preisempfehlung (UVP) netto × 100
- Ziel: mindestens 45 %
- Unter 40 %: Produkt rausnehmen oder nachverhandeln
- Premium-Pflege Standard: 50–60 %
Deckungsbeitrag pro Regalplatz
Formel: Handelsspanne (€) × Umschlag / Regalfläche (cm)
- Die eigentlich wichtige Zahl: „was bringt mir dieser Regalplatz pro Monat?"
- Trennt Top-Performer von Platzhaltern unabhängig vom Stückpreis
- Alle 3 Monate neu bewerten & Regal-Layout anpassen
Tage seit letztem Verkauf
Formel: Heute − letztes Verkaufsdatum (im Kassensystem)
- Über 180 Tage = Slow-Mover, Aktion nötig
- Über 365 Tage = Regal-Leiche, Liquidation einplanen
- Bei MHD-nahen Produkten: früher reagieren
8.3.2 Die monatliche SKU-Analyse — 30-Minuten-Ritual
Einmal im Monat, idealerweise zusammen mit der Monatsinventur am 1. (siehe SOP 14.8). Die Analyse trennt Retail-Produkte in vier Ampel-Kategorien und sagt dir pro SKU, was zu tun ist.
- Kassensystem-Export öffnen (Monat oder rollende 90 Tage). Spalten: Artikel, Verkäufe (Stück), EK, VK, aktueller Bestand, letztes Verkaufsdatum.
- Handelsspanne pro Artikel berechnen: (VK − EK) / VK × 100.
- Umschlag berechnen: Verkäufe pro Quartal × 4 / Durchschnittsbestand.
- Aging prüfen: Tage seit letztem Verkauf.
- Ampel vergeben nach unten stehendem Schema.
- Maßnahme je Ampel festlegen und im Retail-Logbuch notieren (siehe 8.3.4).
Grün — Umschlag 4–8× UND Marge ≥ 45 % → Bestseller, ausbauen, prominente Platzierung, Nachkauf priorisieren.
Gelb — Umschlag 2–4× ODER Marge 35–45 % → beobachten, gezielten Verkaufs-Push (Empfehlung in Behandlung, Instagram-Story).
Rot — Umschlag < 2× ODER Aging > 180 Tage → Slow-Mover, 3-Stufen-Plan einleiten (siehe 8.3.5).
Neu — < 90 Tage im Sortiment → noch nicht bewerten, weiter beobachten, nach 90 Tagen einsortieren.
8.3.3 Beispielrechnung — Ein Retail-Regal im Premium-Salon
Sechs SKUs aus einem typischen Monat. Die Ampel zeigt, wo Kapital produktiv arbeitet und wo es gebunden ist.
| Produkt | EK | VK | Marge | Verkäufe 90 d | Umschlag/Jahr | Ampel | Maßnahme |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Hyaluron-Serum | 18 € | 49 € | 63 % | 18 Stk | ~6× | Grün | Bestseller — ausbauen, immer prominent. |
| Augenpflege-Creme | 12 € | 28 € | 57 % | 4 Stk | ~2,5× | Gelb | Aktiv in Beratung empfehlen, Instagram-Story. |
| Peeling-Pad | 8 € | 15 € | 47 % | 2 Stk | ~1× | Rot | Bundle mit Hyaluron-Serum testen. |
| Haar-Öl | 9 € | 18 € | 50 % | 0 Stk (Aging 200 d) | 0× | Rot | Stufe-3-Rabatt 30 % oder Eigenbedarf. |
| Gesichts-Tonic | 6 € | 15 € | 60 % | 12 Stk | ~5× | Grün | Klassiker — Standardsortiment. |
| Lippenpflege | 3 € | 8 € | 63 % | 8 Stk | ~4× | Grün | Kleine Marge pro Stück, aber Add-on-Champion an der Kasse. |
8.3.4 Slow-Mover-Maßnahmen — der 3-Stufen-Plan
Slow-Mover werden nicht am Tag der roten Ampel liquidiert — sie bekommen drei Chancen. Die Stufen sind nach Risiko und Margen-Opfer gestaffelt: erst versuchen, ohne Marge aufzugeben, dann mit moderatem Rabatt, zuletzt mit Schadenbegrenzung.
Regal umbauen: Produkt nach vorne, auf Augenhöhe. In Behandlung aktiv empfehlen („genau das ist es, was ich gerade bei dir gespürt habe…"). Eine Instagram-Story mit dem Produkt im Kontext einer Behandlung. Wenn nach 6 Wochen kein spürbarer Effekt → Stufe 2.
Kombipreis oder „2+1 gratis" mit einem Grün-Produkt. Das Slow-Mover-Produkt parasitiert am Bestseller — Kundin nimmt ohnehin das Serum, bekommt das Pad zum halben Preis dazu. 4 Wochen laufen lassen, aktiv bewerben. Wenn kein Effekt → Stufe 3.
30–40 % Rabatt-Aktion („Sommerschluss" oder „Re-Stock"-Framing), Mitarbeiter-/Eigenbedarf, Giveaway an Workshop-Teilnehmerinnen, im Extremfall vor MHD-Ablauf: Abschreibung als Betriebsausgabe. Lieber 60 % Verlust hinnehmen als Regal und Kapital weiter blockieren.
8.3.5 Die 80/20-Regel im Retail
Typisches Muster im Solo-Salon-Retail: 6–8 Produkte machen den Großteil des Umsatzes. Der Rest ist Platzhalter, Nischenexperimente, Altbestand. Identifiziere deine Top-6-8 Bestseller und stelle sicher, dass diese nie leer sind — selbst wenn andere Produkte kurz im Sicherheitsbestand kratzen. Die größte Gefahr im Retail: Sortiment überdehnen („Wir haben noch diese nette Nischencreme, die kaufe ich mal dazu") → Kapital gebunden, Regal voll, Top-Seller visuell verstopft.
8.3.6 Kapital-Bindung prüfen
Formel: Produktlager-Kapital = Summe aller (Stück × EK-Preis) im Regal.
Zielwert Solo-Salon: Maximal ein Monats-Retail-Umsatz an gebundenem Einkaufswert. Bei 600 € Retail-Umsatz pro Monat → max. ~600 € EK-Wert im Retail-Regal. Darüber: Cashflow-Risiko, nichtproduktive Kapitalbindung.
Diese Kennzahl ist separat zum Behandlungs-Verbrauchslager (Peelings, Ampullen etc.) zu sehen — Behandlungsmaterial braucht einen eigenen Puffer, gesteuert über die Reorder Point / Meldebestand (ROP)-Formel (siehe SOP 14.5).
Die Steuerberaterin
Steuerberaterin ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit — die Frage ist nur: wann anfangen, wie finden, wie viel zahlen. Wer DIY-Steuern macht, spart 100 € und verliert 2.000 € an nicht erkannten Absetzbarkeiten.
9.1 Was eine Steuerberaterin konkret tut
Das Minimum
- Jährliche Einkommensteuererklärung
- Einnahmen-Überschuss-Rechnung (Einnahmen-Überschuss-Rechnung)
- Gewerbesteuererklärung
- Umsatzsteuer-Jahreserklärung
Was sich rechnet
- Monatliche USt-Voranmeldung
- Laufende Buchhaltung (oder Übergabe lexoffice → StB)
- Quartals-BWA (Betriebswirtschaftliche Auswertung)
- Beratung bei Investitionen, Einstellungen, Rechtsformwechsel
9.2 Was kostet das?
Steuerberaterhonorare sind in der Steuerberatervergütungsverordnung (StBVV) geregelt — bemessen an Umsatz und Gewinn.
| Leistung | Realistische Kosten / Jahr |
|---|---|
| Jahresabschluss Einnahmen-Überschuss-Rechnung (Solo, 50–80k € Umsatz) | 500–900 € |
| Einkommensteuererklärung | 250–450 € |
| Umsatzsteuer-Jahreserklärung | 150–250 € |
| Gewerbesteuererklärung | 100–180 € |
| Laufende Buchhaltung monatlich | 80–150 € / Monat |
| USt-Voranmeldung (wenn nicht in Buchhaltung enthalten) | 30–60 € / Monat |
9.3 Wie findet man eine gute Steuerberaterin?
-
Branchenerfahrung ist der Goldstandard.
Frag gezielt nach: „Wie viele Kosmetiksalons / Friseursalons betreuen Sie?" — mindestens 3–5 ist gut. -
Nähe > Distanz.
Kanzlei in deiner Region. Persönliches Treffen 1–2× pro Jahr. Bei 100 % remote geht Beratungsqualität oft verloren. -
Digitaler Workflow.
Arbeitet die Kanzlei mit DATEV Unternehmen online, lexoffice oder ähnlichem? Wenn du alles per Papier einreichen musst — anderer Anbieter. -
Erstgespräch kostenlos.
Seriöse Kanzleien bieten 30–60 Min kostenloses Kennenlernen. Nutze es. Frag nach Leistungen, Preismodell, Erreichbarkeit, nach Branchen-Erfahrung. -
Persönlicher Fit.
Du wirst jahrelang zusammenarbeiten, mit der Person musst du offen über Geld reden können. Wenn die Chemie nicht stimmt, weitersuchen.
9.4 Wo suchen?
- Steuerberaterkammer München (zuständig für Bayern) — Suchportal nach PLZ und Branche
- DATEV Steuerberatersuche — filtert nach digital arbeitenden Kanzleien
- Empfehlungen aus Beauty-Netzwerk — BFK (Bundesfachschule für Kosmetik), Branchengruppen in Xing / Facebook, andere Solo-Kosmetikerinnen
- Lokale Gründungsberatung der Industrie- und Handelskammer (IHK)/HWK Schwaben — hat oft Kontaktlisten
Vor der Gewerbeanmeldung — damit die Rechtsform-Beratung schon mit drinsteckt. Spätestens aber im ersten Quartal nach Gründung. Wer ein Jahr DIY probiert und dann wechselt, kostet mehr (Aufräumkosten) als wenn man von Tag 1 sauber startet.
Finanz-Checklisten
Zum Ausdrucken oder Abhaken in Notion. Wenn diese vier Listen wirklich erfüllt werden, läuft die Finanz-Seite deines Salons stabil im Hintergrund, ohne Panik im März.
Täglich (5 Min)
- Kassenvorgänge in TSE-Kasse erfassen
- Karten-/Bar-Kassenabschluss am Feierabend (Z-Bon)
- Eingangsrechnungen scannen & in Cloud ablegen
- Auffälligkeiten notieren (Kundin Storno, Geräteproblem, ...)
Wöchentlich (20 Min)
- Kontoauszüge prüfen (Betrieb + Rücklagen)
- Belege in Buchhaltungs-Software hochladen
- Offene Rechnungen / Zahlungseingänge prüfen
- Cashflow-Kalender fortschreiben (13 Wochen)
- Materialbestände prüfen, Bestellliste schreiben
Monatlich (60–90 Min)
- Monatsabschluss in Buchhaltungs-Software (alle Belege kategorisiert)
- Kontostände dokumentieren, Monats-Dashboard füllen
- Steuer-Rücklage überweisen (30 % vom Gewinn)
- Liquiditäts-Rücklage auffüllen (bis 3-Monatsreserve)
- USt-Voranmeldung prüfen/übermitteln (bis 10. Folgemonat)
- Kennzahlen gegen Zielwert vergleichen · Maßnahmen notieren
- Lohnabrechnung Steuerberaterin (falls Mitarbeiter)
Quartalsweise + Jährlich
- Quartals-Call mit Steuerberaterin (1 h)
- Preise prüfen (Januar + Juli)
- Versicherungen & Verträge Review (September)
- Altersvorsorge-Rate anpassen bei Einkommensänderung
- Jahres-Einnahmen-Überschuss-Rechnung fertig bis Ende Februar Folgejahr
- Steuererklärung bis 28.2. des übernächsten Jahres
- Rücklagen-Check: reichen sie für geplante Investitionen?
- Strategie-Review: was hat sich bewährt, was muss weg?
10.1 Der Jahres-Kalender Finanzen
| Monat | Pflicht-Termine |
|---|---|
| Januar | Pricing-Review · Monatsabschluss · Dezember-USt-VA · Anlagenverzeichnis aktualisieren |
| Februar | 15.2. GewSt-Vorauszahlung · Einnahmen-Überschuss-Rechnung Vorjahr finalisieren · Rücklagen-Check |
| März | 10.3. ESt-Vorauszahlung · Quartals-Call StB · Versicherungen prüfen |
| April | Jahresabschluss mit StB · Berufsunfähigkeits-Dynamik prüfen |
| Mai | 15.5. GewSt-Vorauszahlung · Q1-Review Kennzahlen |
| Juni | 10.6. ESt-Vorauszahlung · Halbjahres-Finanzreview |
| Juli | Pricing-Review #2 · Sommerpause planen (Liquidität!) |
| August | 15.8. GewSt-Vorauszahlung · Fortbildungsbudget Jahr 2 |
| September | 10.9. ESt-Vorauszahlung · Versicherungen & Verträge-Review · Altersvorsorge Rate +10 % |
| Oktober | Q3-Review · Jahresend-Investitionen planen (Absetzbarkeit!) |
| November | 15.11. GewSt-Vorauszahlung · 3-Jahres-Ausblick erstellen |
| Dezember | 10.12. ESt-Vorauszahlung · Jahres-Abschluss vorbereiten · 13. Monat planen (Weihnachts-Boost, siehe Marketing-Plan) |
Nächste 7 Tage: 1) Geschäftskonto eröffnen (Qonto / Commerzbank). 2) TSE-fähige Kassenlösung recherchieren (siehe Tools-Guide). 3) Steuerberaterin-Erstgespräch vor Ort buchen. 4) Berufsunfähigkeits-Vergleich anfragen (finanzberatung-bierl.de, Versicherungen mit Kopf, oder lokaler Makler). Wenn diese 4 Dinge laufen, ist das Finanz-Fundament solide.
Zahlungs-Ausfall — wenn die Rechnung unbezahlt bleibt
Auch Stammkundinnen zahlen mal nicht. Gutschein-Empfängerinnen lösen nie ein und wollen dann doch Geld zurück. Eine Braut-Buchung storniert zwei Tage vorher ohne Anzahlungsverfall. Dieses Kapitel zeigt den rechtlich sauberen Weg: Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB)-Vorsorge → Mahn-Staffel → Mahnbescheid → Inkasso → wann abschreiben.
11.1 Vorsorge in den AGB (kürzeste Prävention)
Die AGB sind die günstigste Versicherung gegen Zahlungsausfall. Ohne saubere Klauseln entstehen weder Verzug noch Mahngebühren. Die folgenden Klauseln sollten in jeden Salon-AGB-Satz:
- Zahlungsziel — Standard 14 Tage netto, bei Beauty oft „sofort bei Behandlung"
- Mahngebühren — 5–10 € pro Mahnung sind rechtlich zulässig
- Verzugszinsen — 5 % über Basiszinssatz (2026 ~7–8 %)
- Anzahlung bei Braut-/Hochzeitsbuchungen — 30–50 %, nicht rückerstattbar bei Storno < 14 Tage
- No-Show-Gebühr — 50–100 % des Behandlungspreises (AGB-Klausel nötig, sonst unwirksam)
- Gutschein-Verfall — EU-weit 3 Jahre Pflicht; zusätzliche Verfallsgebühren rechtlich schwierig
- Gerichtsstand — eigener Wohnsitz (Stadt einsetzen)
11.2 Die 3-Stufen-Mahnung
Freundlich, 14 Tage nach Fälligkeit
- Per E-Mail mit freundlichem Ton
- Erinnert an Rechnung, keine Drohung
- Keine Mahngebühren (Verzug entsteht erst danach)
- Template 1 unten
14 Tage nach Erinnerung
- Offiziell „Mahnung", Frist 10–14 Tage
- 5 € Mahngebühr
- Verzugszinsen laufen ab Mahnungseingang
- Template 2 unten
14 Tage nach 1. Mahnung
- „Letzte Zahlungsaufforderung vor gerichtlichem Mahnbescheid"
- 10 € Mahngebühr
- Zinsstaffel aufgeführt
- Ankündigung rechtlicher Schritte in 10 Tagen · Template 3 unten
Tempo zahlt sich aus
- Durchschnittlich zahlt 60–70 % nach der 1. Mahnung
- Weitere ~20 % nach der letzten Mahnung
- Nur ~10 % gehen in Richtung Mahnbescheid
- Jede Woche Verzögerung senkt Inkasso-Quote
11.3 Mahnbescheid-Verfahren
Das gerichtliche Mahnverfahren ist das schnelle, günstige Standardwerkzeug für unstrittige Forderungen. Kein Anwalt nötig.
Außergerichtliche Titulierung
Günstiges, schnelles Verfahren, das eine Forderung „titulieren" lässt. Online über online-mahnantrag.de oder justiz.de.
Gerichtsgebühren
- 36–50 € bei 500 € Forderung
- Ca. 3 % der Hauptforderung (deckelt sich nach oben)
- Schuldner muss diese Kosten nach erfolgreichem Mahnbescheid erstatten
-
Online-Antrag ausfüllen
30–60 Min via online-mahnantrag.de; Forderungsdaten, Gläubiger/Schuldner, Zinsen -
Amtsgericht prüft formal
Zuständig: zentrales Mahngericht je Bundesland (Bayern: Coburg) -
Zustellung an Schuldner
Schuldner hat 2 Wochen Zeit zu reagieren -
Kein Widerspruch → Vollstreckungsbescheid
Zwangsvollstreckung über Gerichtsvollzieher möglich (Pfändung Konto, Lohn, Mobiliar) -
Widerspruch → ordentliches Gerichtsverfahren
Jetzt Anwalt sinnvoll; Klage muss begründet werden
Sinnvoll: unstrittige Forderung > 100 €, Schuldner ist bekannt, hat Vermögen/Einkommen.
Nicht sinnvoll: unter 100 € (Aufwand > Nutzen), Schuldner ist mittellos, Forderung wird streitig erwartet.
11.4 Inkasso einschalten (Alternative)
Delegation an Profi
- Du hast keine Zeit/Lust, selbst zu mahnen
- Forderung > 250 €
- Schuldner hat bereits nicht auf Mahnungen reagiert
- Inkasso arbeitet erfolgsbasiert
Anbieter & Konditionen
- Bürgel, Creditreform, EOS, debitel inkasso
- Provision: 15–35 % der beigetriebenen Summe
- Dauer: 1–6 Monate
- Meldungs-Option an SCHUFA möglich
Inkasso-Gebühren sind Betriebsausgaben. Forderungsverluste können abgeschrieben werden, sobald Zahlungsunfähigkeit nachweislich ist (Pfändungs-Fehlversuch, eidesstattliche Versicherung, Insolvenzeröffnung).
11.5 Wann abschreiben (Forderungsverlust)
Nach erfolgloser Vollstreckung oder nach 12–18 Monaten Untätigkeit des Schuldners kannst du die Forderung als „zweifelhaft" in der Einnahmen-Überschuss-Rechnung (EÜR) abschreiben. Das mindert die Steuerlast, weil der Umsatz nie realisiert wurde.
- Dokumentation sammeln: Mahnungen, Mahnbescheid-Erfolglosigkeit, ggf. Pfändungs-Versuch
- Mit Steuerberaterin besprechen: Wertberichtigung (teilweise) oder Totalverlust (100 %)
- In EÜR eintragen als außerordentlicher Aufwand
- Nächste Jahres-Steuererklärung enthält Abschreibung — Steuerlast sinkt automatisch
11.6 Templates (Copy-Paste)
Zahlungserinnerung (freundlich)
Betreff: Kleine Erinnerung an die Rechnung vom [Datum]
Liebe [Name],
bei der Durchsicht der Rechnungen ist mir aufgefallen, dass
die Rechnung vom [Datum] über [Betrag] € vermutlich in
Vergessenheit geraten ist — das passiert im Alltag leicht.
Falls du die Zahlung in den nächsten 14 Tagen zur Überweisung
bringen könntest, wäre das super.
IBAN: [DE...]
Verwendungszweck: [Rechnungsnummer]
Falls es aus einem anderen Grund hakt — einfach bei mir melden,
wir finden eine Lösung.
Herzliche Grüße
[Dein Name]
1. Mahnung
Betreff: 1. Mahnung — Rechnung [Nummer] vom [Datum]
Sehr geehrte [Name],
meine Zahlungserinnerung vom [Datum] hat noch keine Reaktion
gebracht. Daher muss ich Sie förmlich an die Zahlung der
Rechnung vom [Datum] erinnern:
Rechnungsbetrag: [Betrag] €
Mahngebühr: 5,00 €
Verzugszinsen (5 % ü.B.): [Betrag] €
Gesamt: [Summe] €
Zahlungsfrist: bis [Datum + 14 Tage]
IBAN: [DE...]
Verwendungszweck: [Rechnungsnummer]
Falls die Zahlung zwischenzeitlich erfolgt ist, betrachten
Sie dieses Schreiben bitte als gegenstandslos.
Mit freundlichen Grüßen
[Dein Name]
[Dein Salon]
Letzte Mahnung
Betreff: Letzte Mahnung — rechtliche Schritte ab [Datum] Sehr geehrte [Name], trotz meiner Zahlungserinnerung und der 1. Mahnung ist die Rechnung vom [Datum] nach wie vor unbeglichen. Ich fordere Sie letztmalig auf, den ausstehenden Betrag von insgesamt [Summe] € bis [Datum + 10 Tage] zu begleichen. Falls die Zahlung nicht rechtzeitig erfolgt, werde ich einen gerichtlichen Mahnbescheid beantragen. Die damit verbundenen Gerichts- und Anwaltskosten trägt dann der Schuldner zusätzlich zur Forderung. Bitte vermeiden Sie es, dass es so weit kommt. Mit freundlichen Grüßen [Dein Name] [Dein Salon]
11.7 Spezial-Fälle
Kundin nicht erschienen
- Wenn AGB greift: Rechnung als Dienstleistung ausstellen
- Ohne AGB: pragmatisch — 50 % Kulanz, nächster Termin zu vollem Preis
- Wiederholung → Kundin erhält keinen Termin mehr (Stammkundinnen-Liste streichen)
- SOP siehe operations-handbuch (No-Show-Policy)
Braut-/Hochzeit sagt ab
- Anzahlung verfällt (wenn AGB sauber)
- Restbetrag nicht geschuldet
- Kulanz-Vorschlag: 50 % Gutschein für Restbetrag als Folge-Option
Kundin will Geld zurück
- Gesetzlich nur bei > 3 Jahren Verfall rückerstattungs-pflichtig
- Du kannst Kulanz gewähren oder ablehnen (rechtlich sicher)
- Verzehrbetrag anrechnen (Teil-Einlösung) ist immer möglich
Weitere Eskalationsstufen
- Beschwerde-SOP & Konfliktgespräche: operations-handbuch
- Policen-Deckung Vermögensschäden: Kap. 6.5.2
- Liquiditäts-Puffer für Zahlungsausfälle: Kap. 7.1
11.8 Die 5 Fehler
- Ohne AGB arbeiten — dann kein Verzug, keine Mahngebühren, keine Anzahlungsregelung
- Mündlich zahlen lassen — keine Rechnung ausgestellt, kein Nachweis
- Zu schnell aufgeben — die meisten Kundinnen zahlen nach der 2. Mahnung
- Zu früh Inkasso — teurer Weg, wenn eine Mahnung gereicht hätte
- Ohne Steuerberater abschreiben — Fehler in EÜR = Nachzahlung + Zinsen
Woher diese Zahlen kommen
- BMF — FAQ Kassengesetz & Belegausgabepflicht
- KassenSichV — Verordnung im Wortlaut
- Kassensystemevergleich — KassenSichV Update 2026
- ETRON — Alles zur TSE-Kasse in Deutschland 2026
- Tillhub — Gesetzeskonformes Kassensystem 2026
- sevDesk — Was bedeutet GoBD
- StB Preßler — GoBD für Kleinunternehmer
- Lexware — GoBD im Überblick
- Finanztip — Rürup-Rente Vor- und Nachteile (kritisch)
- Finanztip — Test Rürup-Rentenversicherungen 2026 (Europa, Condor, Sutor)
- Verbraucherzentrale — Rürup-Fallstricke
- ETF.capital — Rürup Rente 2026 lohnenswert?
- Finanztip — Freiwillige Rentenbeiträge, für wen sinnvoll?
- DRV — Selbstständige & Rentenversicherung
- Handelsblatt — Rürup Rente 2026 im Vergleich
- Hilfe.de — Rürup-Rechner 2026 & Steuervorteil
- Handelsblatt — Berufsunfähigkeits-Versicherung Kosten 2026
- Finanzberatung Bierl — Berufsunfähigkeits-Vergleich 2026
- Buxperts — Berufsunfähigkeits-Versicherung Vergleich 2026
- Finanztip — Berufsunfähigkeits-Überschussbeteiligung 2026
- Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) — Kleinunternehmen & Buchhaltungspflicht
- dokutar — Verfahrensdokumentation Kleinunternehmen